Endstation unvergesslich by art.TM - HTML preview

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verlieben sich

Josy verstummte schlagartig, als Timothy bei ihnen auftauchte.

»Na, ihr beiden, über wen wird gerade gelästert?«

»Natürlich über dich.« konterte Theresa.

»Das habe ich doch geahnt.«

»Hast du heute schon eine neue Idee gehabt?«

wollte Theresa wissen.

»Ja, heute Morgen habe ich im Telefonbuch nach der Anschlussnummer eines alten Bekannten gesucht. Da habe ich mich gefragt, warum es überhaupt noch Telefonbücher gibt, wenn man sie bei der Auskunft einholen kann.«

»Ja, aber das kostet doch Geld.«

»Es gibt nichts unökonomisches als einen Vorrat von Millionen Nummern zu Hause zu haben, wenn ich nur ein paar davon benötige. Ich habe die meiner Freunde und Bekannten sowieso in einem separaten Notizbuch aufgeschrieben.«

159

»Ich bin auch deiner Meinung. Ökologisch gesehen verhindert das eine Verschwendung an wertvollem Papier und Druckfarben, sowie eine große Menge an

Altpapier

und

einen

aufwendigen

Verteilungsprozess.Die Transporte der Bücher über das Straßennetz wären damit hinfällig.«

bestätigte Josy.

»Das müssen wir nämlich alles über die Gebühren bezahlen.«

»Du hast Recht, das reduziert die Telefonkosten.«

stimmte Theresa zu.

»Aber warum machen die Unternehmen das nicht?

Timothy, du musst dich mal bei ihnen melden.«

wandte Josy ein.

»Wenn ich das nächste mal die Auskunft anrufe werde ich es weitergeben.«

Zwischenzeitlich war die Gruppe an einer Waldlichtung angelangt und der Physiotherapeut forderte die Leute auf einen Kreis zu bilden. Dann begann er mit seiner Gymnastik. Zuerst wurden die Arme kreisförmig auf und ab bewegt. Dem folgte ein Kreisen der Hüften von rechts nach links und vice versa. Der ein oder andere vernahm dabei ein leichtes Knacken im Skelett. Die anschließenden Übungen, die von den Beteiligten zwar nicht das Äußerste forderten, aber irgendwie doch anstrengten, wurden mit der guten alten Kniebeuge

beendet.

Der

Physiotherapeut

bedankte sich für das Mitmachen der Patient:innen 160

und kündigte die Fortsetzung des Spaziergangs an.

»Wer hat Lust, nachher mit mir Tischtennis zu spielen?« war Timothys Vorschlag.

Theresa bot sich an:

»Wie wär's mit mir, aber ich bin keine gute Spielerin.«

»Ich werde es dir schon zeigen.«

Die Gruppe kehrte zurück zur Klinik.

»In fünf Minuten an der Tischtennisplatte?«

Timothy bestätigte: »O.k. bis gleich.«

Theresa ging auf ihr Zimmer und zog sich andere Schuhe an. Sie erwischte sich dabei, wie sie an Timothy dachte. Irgendwie fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Seine Art die Dinge zu sehen gefiel ihr.

Die Geschichte, die Josy über ihn erzählt hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Vor allem sein Erfindergeist faszinierte sie auf eine bisher unbekannte Art. Sie musste zugeben, dass Timothy genau der Typ von Mann war, in den sie sich sofort verlieben könnte. Er war intelligent, sympathisch und sah gut aus. Das einzige was sie abschreckte war, dass die CIA ihn verfolgte. Sie fühlte sich schon ein bisschen wie die neue Fassung von Bonny & Clyde in der Gegenwart.

Zum Glück wusste er nichts von der Observierung.

Sie würde es ihm auch nicht verraten, schließlich war er kein Feind des CIA. Schade war nur, dass er kein Geld für seine Ideen bekam. Sie musste 161

zugeben: Wenn ich so richtig darüber nachdenke, dann gibt es mir einen echten Kick, plötzlich einen Mann kennen zu lernen, der vom Geheimdienst verfolgt wird.

Sie traf Timothy an der Tischtennisplatte, der mit zwei Schlägern und einem Ball in der Hand auf sie wartete. Sie nahm ihm einen aus der Hand und stellte sich ans Ende der Platte.

»Üben wir erst einmal ein bisschen.« schlug Timothy vor.

»Also gut leg los.«

Timothy ging in die Grundstellung und spielte den Ball so stilvoll, dass die Zuschauer spontan in ihm die Verkörperung eines chinesischen Großmeisters vor sich erblickten. Die ja bekanntlich aufgrund ihrer Körperbeherrschung und Reaktionsfähigkeit von allen Tischtennis Insidern, als die Großen in diesem Sport anerkannt werden. Wie erwartet flog der Ball über das Netz, in Richtung auf die rechte Ecke, in Theresas Spielfeld. Die mit Hilfe ihres mathematischen Vermögens der Voraussage in der Lage war, rechtzeitig mit ihrem Schläger in der Nähe des Aufpralls Ortes präsent zu sein. Sie schaffte es, den Ball so anzuspielen, dass er in einem

hohen

Bogen

und

mit

geringer

Geschwindigkeit weit über die Platte hinaus flog und auf dem Boden landete.

Schon nach kurzer Zeit gelang es Theresa, aufgrund ihrer Konzentration und ihres weiblichen Instinkts, mit ihrem Schläger, die Stellung zum 162

Ball so einzunehmen, dass dieser nahezu wunschgemäß auf Timothys Platten Hälfte aufprallte. Irgendwann stieß sie mit ihrem rechten Schuh gegen das Tischgestell. Timothy bemerkte:

»Hast du dich verletzt? Du solltest dir ein paar Schuhe mit Stoßstangen vorne dran kaufen.«

»Gibt es die schon oder ist das wieder mal so eine neue Idee von dir?«

»Gesehen habe ich noch keine, ist mir einfach nur so eingefallen.«

Da tauchte Bobby auf, mit einem Magazin in der Hand:

»Hast du das schon gelesen, die UNO ruft alle Menschen zur Aktion:

„Ideen für eine bessere Welt“.«

»Das hört sich ja super an, lege es mir bitte auf mein Bett, damit ich es mir nachher einmal ansehen kann.«

»Du ich habe keine Lust mehr, wir können ja nachher noch einmal spielen.«

»O.k. Wie wäre es mit einem Kaffee im Speisesaal?«

»Gerne.«

»Ich gehe nur noch kurz in mein Zimmer und hole das Magazin.«

163

Die beiden trafen sich am Kaffeeautomaten im Speisesaal. Theresa hielt schon eine Tasse Kaffee in der Hand:

»Wie willst du deinen Kaffee?«

»Mit Milch und Zucker bitte. Ich setze mich schon mal rüber.«

Theresa machte Timothys Kaffee wunschgemäß und folgte ihm in den Speisesaal. Timothy saß da und las den Artikel über die UNO. Theresa setzte sich neben ihn: »Ist das der Artikel über die UNO?«

»Ja, da läuft eine Aktion an der jeder teilnehmen kann, der Ideen für eine bessere Welt hat.«

»Das ist ja genau das Richtige für dich.«

»Machst du mit?«

»Ich hätte da sogar etwas ganz brauchbares. Das habe ich mir ausgedacht, als ich las, wie sich unsere Gesellschaft vom Agrarstaat, hin zur Industrienation gewandelt hat.«

»Lass mal hören.«

»Die Ungerechtigkeit, die arme Länder in ihre Rolle zwängt, muss bekämpft werden. Man hat die dritte Welt Staaten, die meist Agrarstaaten sind, durch Quotenregelungen bezüglich der Exportmengen in ihrem Wachstum durch Umsätze am Weltmarkt beschränkt. Die Einführung der Quotenregelung für landwirtschaftliche Erzeugnisse sollte eine gerechte Regulierung des Weltmarktes für die einzelnen Herstellungsländer bewirken. Ich halte sie für ungerecht. Eine gerechte Regelung unter dem Aspekt armes oder reiches Land wäre: 164

Die Produktionsmengen in der Agrarwirtschaft umgekehrt

proportional

zum

spezifischen

Bruttoinlandsprodukt des Landes ins Verhältnis setzen und für eine Quotenregelung zu verwenden.

»Die Idee ist toll. Wenn ich richtig verstanden habe, würde das bedeuten, dass hoch entwickelte Industrieländer nur noch eine sehr geringe Anzahl an landwirtschaftlichen Betrieben mit kleinen Produktionsmengen hätten. Entwicklungsländer dagegen dürften aufgrund ihrer wirtschaftlichen Schwäche

und

ihrer

Verschuldung

hohe

landwirtschaftliche Produktionsmengen erzeugen und am Weltmarkt verkaufen.«

»Genau. Ich halte es für ungerecht, dass die hoch entwickelten Länder heutzutage noch hohe Erträge aus ihrer Agrarwirtschaft erzielen. Die Beanspruchung der Natur in diesen Ländern hat seit Anbeginn der Industrialisierung und der Erfindung des künstlichen Düngers schon genug gelitten. Die Böden sind überdüngt und das Grundwasser hat infolgedessen einen hohen Nitratgehalt. Fungizide (Mittel zur Bekämpfung Pflanzenschädigender

Pilze),

Pestizide

(Chemisches

Mittel

zur

Vernichtung

von

pflanzlichen u. tierischen Schädlingen aller Art) und Herbizide (Chemisches Mittel zur Abtötung 165

von Pflanzen) haben in den vergangenen Jahren ebenfalls ihren Beitrag zu einem hohen Schadstoffgehalt in Boden, Luft und Wasser beigetragen. Eine Auszeit für die genutzten Flächen ist aus ökologischen Gesichtspunkten zu empfehlen. Die Zahl von Naturschutzgebieten und damit der Raum zur Erholung für die von Stress geplagten Menschen würden dadurch deutlich anwachsen. Die zurückgedrängte natürliche Flora und Fauna könnte sich wieder ungestört ausbreiten.«

»Manche Länder differenzieren zwischen reichen und armen Herkunftsland bei der Zollerhebung. So hätten die armen Länder, durch diesen Preisvorteil am Markt, die Chance auf ein echtes Wachstum infolge steigender Marktanteile.

Deine Idee ist im Vergleich dazu natürlich etwas ganz Neues. Was ich in deiner Gleichung vermisse, ist die Berücksichtigung der Ausgaben einer Person für Agrarprodukte. Die ist doch in reichen Ländern sicherlich größer als in armen Ländern.«

»Das Ganze ist komplizierter als du sagst. Du kannst die absoluten Werte nicht miteinander vergleichen. Es ist klar, dass eine Person in einem armen Land weniger Einkommen für Essen ausgibt, als eine Person in einem reichen Land. Die gerechte Konsummöglichkeit zeigt sich eher am prozentualen Anteil der Essensausgaben am 166

Gesamteinkommen.

Man

könnte

in

die

Berechnung noch einen Faktor einfügen, der die absoluten Ausgaben für Essen in einem Land, ins Verhältnis zu dem weltweit durchschnittlichen Wert setzt.«

»Dann sieht die Formel ja noch komplizierter aus.

So habe ich das auch nicht gemeint. Ich meinte, dass ein Exporteur aus einem armen Land, in einem reichen Land, für seinen Doppelzentner Weizen mehr erhält als in seiner Heimat.«

Theresa fuhr fort: »Wie sonst sollen die armen Länder einen Ausweg aus der Schuldenfalle finden, wenn ihnen nicht die Chance zu einem Wachstum gegeben wird. Umgekehrt muss man fragen: Wer beschränkt die reichen Länder mit ihren Unternehmen auf deren Wachstum? Wie haben diese Länder ihre Infrastruktur geschaffen und können sie weiter auf einem hohen Niveau halten?

Allein durch prosperierende Unternehmen mit ihren Mitarbeiter:innen und Kund:innen, die ihre Steuern, leider nicht alle davon, an die Staatskasse entrichten und so ein großer Kapitalstrom zwischen Staat, Konsument:innen und Unternehmen fließt.

Wenn man das Staatseinkommen der Länder miteinander vergleicht, dann sieht man sehr schnell, dass die Infrastruktur der armen Länder 167

niemals das Niveau der reichen Länder erreichen kann, solange es niedrig ist.

Wie können die armen Länder hier Anschluss finden, wenn sie keine Bildungseinrichtungen für ihren Nachwuchs haben, der das Land vom Agrarstaat hin zu einem modernen Industriestaat entwickeln könnte.

Die Basis für ein solches Vorhaben wäre eine gesteigerte Einnahme im Agrarsektor, über die oben genannte Abkehr von der bisherigen Quotenregelung,

zu

einer

an

das

Bruttoinlandsprodukt geknüpften Regelung.

Dies wäre ein Schritt, der auch für die Industrieländer akzeptabel wäre. Einen offenen Preiskampf würden die armen Länder verlieren, denn dann würde die bisherige Subventionierung der Agrarwirtschaft in den reichen Ländern noch stärker forciert werden.

Die Subventionierung in der Politik ist meiner Ansicht nach ein Auflehnen gegen den Preis des Fortschritts im internationalen Miteinander. Hätten die reichen Länder nicht in diesen Verfallsprozess der landwirtschaftlichen Betriebe eingegriffen, dann hätten wir heute viel geringere Erntemengen und damit auch kleinere Butterberge.«

»Ja, du hast Recht, die Subventionierung der Landwirtschaft ist unfair. Keiner der Landwirte möchte eben seinen Status als Selbständiger 168

aufgeben. Wie auch immer, wir haben jetzt eine Idee für die UNO.«

»Hast du auch schon eine Idee?«

»Nicht nur eine, aber dafür welche ohne komplizierte Formeln.

Also da habe ich zum Beispiel meine Idee zum kapitalistischen KI-Staat.

Wie wäre es, wenn ein KI- Konzern einen Bundesstaat oder eine Nation in das Unternehmen implementiert. Damit würde der Kapitalismus im Kapitalismus die Staatsführung übernehmen. Als Zukunftsoption einen KI-Staat, in einem Konzern unter der Leitung, wie kann es auch anders sein, eines KI-CEO.

Vielleicht wäre es eine Chance für globalen Frieden. Das Innovativste seit Anbeginn der Industrialisierung ist und bleibt die Wirtschaft.

Allen voran die IT-Konzerne.«

»Bist du dir sicher, dass das funktioniert?«

»Keine Sorge, das ist machbar. Meine zweite Idee ist:

Alle

Gebäude

werden

ressourcenschonend

konzipiert. Es gibt nur noch Flachdächer und keine Dachaufbauten mehr auf Wohnhäusern. Das spart enorm viel natürliche Ressourcen.«

169

»Also gut, das heißt, wir hätten drei Ideen, die wir an die UNO schicken können. Ich hole mir im Stationszimmer Papier und schreibe alles auf.

Damit wir es umgehend an die UNO senden können.«

»O.k. und ich organisiere gleich mal einen Briefumschlag und eine Briefmarke.«

»Ich habe ein gutes Gefühl, ich glaube wir werden gewinnen.«

»Auf jeden Fall, man nennt mich schließlich nicht umsonst die Ideenmaschine.«

Wieder einmal haben zwei sympathische Menschen bewiesen, wie einfach es ist, die Welt zu verbessern. Nicht jeder hat so außergewöhnliche Ideen, aber eines ist sicher:

"Ideen machen Spaß!"

Haben Sie es bislang noch nicht gewagt, Ideen zu haben? Wenn nein, dann kann man Ihnen nur empfehlen – trauen Sie sich, Sie werden es nicht bereuen. Denn das steckt in jedem von uns.

Es wird sich zeigen, ob die UNO von der imposanten Formel Theresas ebenso beeindruckt ist wie Timothy. Eines ist gewiss, sie bietet genügend Anlass für heiße Diskussionen. Oder haben Sie genug Fantasie, um sich vorzustellen, dass die armen Länder von heute die Ernährer von morgen sind?

170

Werden dank Timothys Idee auch die Menschen, die KI hassen, sich vor dieser Macht beugen?

Gebäude ganz ohne Dachaufbauten … wird das die globale Bauwirtschaft mit Freude aufnehmen?

Greift die CIA ein, wenn Timothy der UNO als genialer Mensch für neue Ideen auffällt?

Wird Timothy dann offiziell für die CIA arbeiten müssen?

Kann es sein, dass Timothy die Ideen ausbleiben, wenn er nun plötzlich im Auftrag arbeitet?

Wie auch immer, zumindest wäre es nicht schlecht, wenn Timothy Geld bekommen würde.

Vielleicht haben die beiden Glück und gewinnen den Ideenwettbewerb, der ja mit einem einwöchigen Hotelaufenthalt und Taschengeld belohnt wird.

Während Theresa noch damit beschäftigt war, den Brief zu schreiben, erschien Timothy bereits mit einem Briefumschlag und einer Briefmarke in der Hand.

»Wie weit bist du?«

»Ich bin gleich fertig. Setze dich doch solange hin.

Hast du zwischenzeitlich schon wieder eine neue Idee?«

»Wieso, findest du das reicht nicht aus was ich gesagt habe?«

»Natürlich, das war toll. Jetzt sei doch nicht gleich so empfindlich.«

»Gehst du immer so frech auf dein Ziel los?«

»Nur wenn es sich lohnt.«

171

»Wovon hängt das ab?«

»Das verrate ich dir, wenn ich dich besser kenne.

Übrigens, hast du zur Zeit eine Freundin?«

»Wieso nur eine. Reicht dir ein Freund?«

»Bislang schon. Und ich habe auch nicht vor das zu ändern.«

»Wie sieht eigentlich dein Traumtyp aus?«

»So ungefähr wie Johnny Depp.«

»Wenn du den nicht kriegst, dann kannst du ja bei mir anklopfen.«

»Also bist du doch noch zu haben?«

»Für eine tolle Frau bin ich immer zu haben.«

»Muss ich mich noch anstrengen oder habe ich dich schon überzeugt.«

»Deine Ideen haben mich auf jeden Fall überzeugt.

Den

Rest

müsste

ich

erst

einmal

auskundschaften.«

»Dann schieß mal los.«

»Wen liebst du mehr, unseren Präsidenten oder unsere Mutter Erde?«

»Unsere Mutter Erde natürlich.«

»Das heißt du lebst primärenergie frei?«

»Wieso, lebst du etwa so?«

»Ich versuche es zumindest. Also sag schon.«

»Ich habe ein Auto und Zuhause heizen wir mit Öl.

Verlangst du etwa, dass ich zu Fuß gehe und Zuhause im kalten sitze?«

»Ich lebe nach dem Motto „für meine Einstellung tue ich alles“.«

»Dann bist du ja so eine Art leuchtendes Vorbild.«

172

»Ich habe beim Bildhauer schon eine Statue in Auftrag gegeben. Jetzt mal im Ernst, du hast doch sicherlich schon von der CO2 Problematik gehört.«

»Natürlich kenne ich das CO2 Problem. Ich möchte aber auch grenzenlos mobil sein.«

»Also ich habe mein Auto gegen eine Busfahrkarte und ein Fahrrad eingetauscht. Seitdem fühle ich mich ein wenig unschuldiger.«

»Willst du mir jetzt ein schlechtes Gewissen einreden?«

»Hast du eines?«

»Sei nicht so frech. Ich gebe zu, du hast mich überzeugt, ich werde mir das Auto mit dem niedrigsten Spritverbrauch kaufen.«

»Ach, dazu fällt mir etwas ein. Als ich in einer Zeitung las, dass demnächst das Wasserstoff-Mobil hergestellt wird, habe ich mir überlegt, wie lange es dauert, bis alle Fahrer:innen ihr Auto gegen ein E- oder Wasserstoff-Mobil eingetauscht haben. Irgendwie habe ich aber keine passende Gleichung zur Berechnung der zunehmenden Marktdurchdringung gefunden.«

»Ich kenne diese Gleichung auch nicht, aber ich helfe dir gerne bei der Berechnung. Was für einen Vorteil versprichst du dir davon?«

»Nein, du hast Recht, das lohnt sich nicht. Ich bin eben so ein Typ, der versucht alles zu ergründen.

Da gibt es noch ein anderes Berechnungsproblem, das mich interessiert.«

173

»Bevor ich dir helfe, möchte ich erst noch ein bisschen spazieren gehen.«

»O.k. ich komme mit.«

Die nächste Lektion in Mathematik gibt es also nach dem Spaziergang. Unser angehendes Liebespärchen verließ die Station und überlegte, in welche Richtung es gehen sollte. Die drei folgenden Routen standen zur Auswahl: Der gleiche

Eine Runde

Querfeldein

Rundweg wie

auf dem

über die

beim

Klinikgelände. angrenzenden

Morgenspazier

Die Tour de

Wiesen. Die

gang. Die Tour Teer.

Tour de Blume.

de Wald.

Die beiden entschieden sich für die Tour de Teer.

Sie kamen an vielen Gebäuden vorbei, von denen sie nicht wussten, ob darin auch Patient:innen, die nicht nur von ihren Krankheiten gefangen, sondern auch auf einem Bett fixiert waren.

Sie entdeckten nichtssagende Schilder über den Zweck des Gebäudes, die aber das Heimweh und die Einsamkeit der Patient:innen verschwiegen.

Die Abgründe der menschlichen Schicksale blieben hinter den Mauern verborgen.

Dass Liebe an diesem Ort kein Fremdwort sein muss, das konnte man an der Harmonie dieses 174

Paares erkennen. In ihren intensiven Gesprächen entschwanden sie dieser, von medizinischer Nüchternheit geprägten Endstation menschlichen Leidens,

hin

zu

einem

Idyll

neuer,

lebenserfüllender Gemeinsamkeit.

Völlig losgelöst von jeglicher Angst erzeugender Zwangsvorstellung, vergasen sie ihr Kranksein und erlebten ein inniges Paar Gefühl im Schutze der Klinik-Mauern.

Timothy zeigte auf ein Haus und sagte, dass sich darin die Kunstwerkstatt befindet. Dort nehmen die Patient:innen an verschiedenen Therapien wie dem Bemalen von Kunstseide oder dem Formen von Ton teil. Dies dient der Ablenkung ihrer Krankheit.

»Nächste Woche musst du auch an einer Therapie teilnehmen. Die Sport- und Ergotherapie sind sehr populär.«

»Kann man sich das aussuchen?«

»Ja.«

»Dann check ich bei dir ein.«

»Also ich habe mich dafür entschieden, weil die beiden Therapeuten so nett sind wie du.«

Daraufhin legte Timothy seinen Arm um ihre Hüfte und gab ihr einen Kuss auf die Wangen. Theresa hatte sich nicht dagegen gewehrt und bemerkte lediglich:

»Du gehst aber ganz schön ran.«

»Erschreckt dich das?«

175

»Was willst du jetzt hören? Vergesse nicht, ich bin schließlich ein gut erzogenes Mädchen.«

»Das habe ich sofort bemerkt. Und übrigens weiß ich was gut erzogene Mädchen gerne haben.«

»Gehen wir wieder zurück?«

»O.k. wenn du willst.«

Die beiden schlenderten Arm in Arm zurück zur 4.

Wieder einmal hatten zwei Menschen zueinander gefunden, obwohl sie in ihrer Weltanschauung verschiedene Ansichten hatten.

Dies

lässt

sicherlich

noch

einige

heiße

Diskussionen erwarten. Wie es aussieht, ist die Liebe nicht abhängig von der Einstellung zu irgendwelchen

Themen.

Was

auch

verwundernswert wäre, denn schließlich gab es die Liebe

bereits

vor

irgendwelchen

Weltanschauungen.

Die beiden kamen rechtzeitig zum Abendessen zurück. Sie setzten sich zu Bobby und Josy an den Tisch. Bobby wollte wissen:

»Hast du den Artikel über die UNO schon gelesen?«

»Nicht nur das, Theresa und ich hatten gleich drei geniale Ideen, um die Welt zu verbessern. Die haben wir aufgeschrieben und an die UNO

gesandt.«

»Glaubst du wirklich das eine Idee die Welt verbessert?«

»Vielleicht nicht eine aber viele.«

»Also ich wäre für globalen Kommunismus.«

176

»Du willst doch nicht etwa den Ideenwettbewerb gewinnen?«

»Glaubst du die können da etwas machen?«

»Frag doch die UNO.«

Josy unterbrach die Diskussion:

»Hört doch auf andere Leute ständig mit euren neuen Ideen zu bombardieren.«

»Also mich stört das nicht.«

verteidigte Theresa.

Timothy forderte sie auf: »Komm lass uns gehen.«

Die beiden standen auf und gingen zur Sitzgruppe im Foyer. Sie interessierten sich im Moment nicht für das, was andere sagten, sondern wollten alleine sein. Timothy unterbrach die Stille:

»Ich habe dir heute Mittag gesagt, dass ich deine mathematischen Fähigkeiten benötige.«

»Und das wäre?«

»Weißt du, ich habe mich einmal gefragt, ob uns irgendwann die neuen Worte ausgehen, weil wir schon alle möglichen Kombinationen benutzen.

Dann überlegte ich mir, ob man das berechnen kann. In einem Mathematikbuch fand ich unter der Kategorie „Kombinatorik“ eine mögliche Form der Berechnung.«

»Also ich habe dazu auch nur ein paar Grundkenntnisse.«

»Nehmen

wir

zum

Beispiel

die

vier

großgeschriebenen Buchstaben ABCD. Nun sucht man die max. Anzahl der Anordnungen der Buchstaben, die sogenannten Permutationen.

177

Dann ergibt sich rechnerisch eine Anzahl von 1*2*3*4 = 24 Permutationen.«

»Jetzt willst du von mir wissen, wie hoch die Anzahl

der

Permutationen

für

alle

alphanumerischen Zeichen ist, die man als Worte verwenden kann?«

»Genau das möchte ich.«

»Da kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Mir fällt aber dazu etwas ganz anderes ein. Man könnte nämlich, wenn alle möglichen Kombinationen ausgeschöpft wären, einfach einen neuen Buchstaben einführen und schon hätte man wieder genug Kombinationen für neue Worte.«

»Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht.

Das wäre für die IT-Welt aber fatal. Man müsste neue Tastaturen für Computer einführen und viele Programme ändern.«

»Nicht nur für die, sondern auch für Wörterbücher und Mobiles wären Änderungen notwendig.«

»Lass uns etwas anderes machen. Wie wäre es, wenn wir noch einmal Tischtennis spielen?«

»Au ja, dazu hätte ich jetzt Lust.«

So verbrachten sie die nächsten Stunden mit Tischtennis spielen, bis Theresa einwand:

»Hören wir auf, ich kann nicht mehr und müde bin ich auch.«

»Ok, lass uns aufhören. Du willst doch nicht etwa ins Bett?«

»Eigentlich schon.«

178

»Also ich wollte noch ein bisschen Fernsehen. Ich wünsche dir eine gute Nacht.«

Dann ging er auf sie zu, nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich auf den Mund. Sie löste sich aus der Umarmung und verabschiedete sich mit einem:

»Gute Nacht.«

Theresa lief zu ihrem Zimmer und öffnete die Tür.

Sie bemerkte, dass ihre Zimmergenossinnen bereits schliefen. Sie zog sich aus und ihren Schlafanzug an. Dann schaltete sie ihre Bettleuchte an und legte sich mit einem Krimi ins Bett. Nach einiger Zeit wurden ihre Augen müde und sie legte das Buch zur Seite. Theresa starrte die Decke an.

Da kam ihr in den Sinn, angesteckt von Timothys Idee mit den Straßenleuchten, dass es unnötig ist, über jedem Bett eine Leuchte anzubringen. Das ist übrigens ein mathematisches Problem, wenn man es richtig betrachtet.

Ach, bitte nicht schon wieder Mathematik.

Sie überlegte, wie man es am besten artikulieren könnte. Was ihr einfiel war:

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass drei Leuchten gleichzeitig eingeschaltet sind?

Vom Standpunkt eines mathematischen Laien aus betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit gering. Das würde bedeuten, dass beispielsweise bei drei 179

Betten zwei Leuchten genügen könnten. Man müsste nur eine Laufschiene über den Betten anbringen, auf der die benötigten Lichtspender verschoben werden können. Die Person, die Licht benötigt, schiebt die Leuchte einfach über das betroffene Bett.

Theresa sagte sich, ich glaube, dass Timothy mich mit seinem permanenten Trieb zu neuen Ideen angesteckt hat. Aber sie musste sich eingestehen, dass es ihr Spaß machte. Die Feststellung, dass das simple Anwenden von Mathematik zu sinnvollen Ergebnissen führen kann, erfüllte sie mit Genugtuung.

Sie schaltete das Licht aus und schloss die Augen.

Ihr letzter Gedanke galt Timothy. Sie hatte das Glück einen sympathischen Mann kennengelernt zu haben. Sie diskutierte genauso gerne mit ihm, wie sie mit ihm lachte. Es schien so, als ob sie sich in Timothy verliebt hatte. Endlich war die Zeit des Alleinseins vorbei. Sie hatte wieder jemanden, mit dem sie über alles reden konnte.

Für Sex war es natürlich noch zu früh. Irgendwie konnte sie sich das in der Klinik auch nicht vorstellen. Wenn es so weit ist … Que sera, sera …

Die nächsten 5 Wochen vergingen wie im Fluge.

Theresa und Timothy lernten sich näher kennen und lieben. Sie diskutierten, wie man die Welt verbessern könnte. Machten Pläne für eine 180

gemeinsame Zukunft und malten sich ihr Zusammensein in den buntesten Farben aus.

Theresa lernte von Timothy die Welt mit anderen Augen zu sehen. Er begnügte sich nicht damit, die Probleme unserer Zeit zur Kenntnis zu nehmen, sondern wollte aktiv etwas dagegen unternehmen.

Sie teilte zwar seine Einstellung, war aber bislang nicht bereit, aktiv zu werden.

An einem Dienstagmorgen, als sie in ihrem Zimmer war und die Haare kämmte, klopfte jemand an:

»Ja bitte.«

Die Tür ging auf und Timothy streckte seinen Kopf herein:

»Rate mal von wem wir Post bekommen haben?«

»Keine Ahnung. Etwa von der UNO?«

»Genau.«

»Und was schreiben sie?«

»Wir haben eine Reise nach New York gewonnen.

Inklusive Hotel und Taschengeld für eine Woche.«

»Zeige mir bitte mal den Briefumschlag.«

Timothy gab ihr das Kuvert. Theresa holte das Schreiben heraus und überflog die Seite. Während sie es las, konnte sie sich einen Freudenschrei nicht verkneifen und umarmte danach Timothy.

»Mensch Timothy, wir haben gewonnen.«

»Auf den Tickets steht: Wir fliegen Montag in drei Wochen.«

181

Damit stand fest, dass Theresa die Mathelehrerin und Timothy die Ideenmaschine einen guten Eindruck bei der UNO hinterlassen haben.

Ist es möglich, dass die beiden in Zukunft Strategien für die UNO ausarbeiten? Kann Theresa durch neue mathematische Gleichungen die Welt ein Stück gerechter machen?

Wird die Welt von Timothys primärenergie freiem Leben erfahren?

Stand jetzt schon fest, dass die beiden in die Geschichte eingehen werden?

Wird die CIA sich nun auch für diese Ideen einsetzen?

Viele unbeantwortete Fragen. Jetzt hieß es abzuwarten, was geschehen wird.

Zwischenzeitlich sind drei Wochen vergangen.

Währenddessen wurden Timothy und Theresa aus der Klinik entlassen. Die beiden sind ein Liebespaar geworden und beabsichtigten, eine gemeinsame Wohnung zu mieten.

An jenem Montagabend vor der Abreise nach New York war Theresa mit Timothy zum Essen verabredet. Die Pädagogin hatte ihr Reisegepäck im Auto, weil sie heute bei Timothy übernachten würde. Sie trafen sich um 8 p.m. beim Chinesen in der Nähe von Timothys Wohnung. Sie hatte für diesen Abend ein rotes Cocktailkleid und schwarze, hochhackige Stöckelschuhe ausgewählt. Dazu trug 182

sie passende Ohrringe und eine Halskette aus weißen Perlen.

Auch Timothy hatte sich in Schale geworfen. Er trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug mit einem weißen Hemd und roter Krawatte. Den Anzug hatte er im Schrank gefunden. Von seiner Existenz wusste er schon so gut wie nichts mehr.

Er erinnerte sich anlässlich der Beerdigung seiner Tante mütterlicherseits, diesen Anzug gekauft und später nie wieder getragen zu haben. Timothy wartete vor der Tür des Restaurants. Es war fünf Minuten vor 8 p.m. als die Angebetete vor dem über beide Ohren Verliebten stand. Mit ihrer Erscheinung trat das Bewundernde in Timothys Gesichtsausdruck zutage. So sah er Theresa das erste Mal. Sie erinnerte ihn an die Engel der katholischen Kirche. Seine Fantasie beflügelte ihn zu einem:

»Hallo mein rotes Engelchen, darf ich ihnen gestehen, dass sie heute umwerfend aussehen.«

»Mein lieber Nadelstreifen-Prinz, ihr als die Verkörperung der Männlichkeit die ich begehre, umschließt mich mit euren Armen und lasset mich nie wieder los!«

Da nahm er sein rotes Engelchen wie befohlen in den Arm und ließ es die Stärke seiner Männlichkeit spüren. Voller Hingabe schmiegte sie ihren Körper an den seinigen und fühlte sich leicht wie von einer 183

Wolke getragen. Dem folgte ein die Besinnung raubender, inniger Kuss, der die der Lust gehorchenden Körper zu einem neuen Ganzen verschmolz. Als Theresa sich von seinem Munde löste, lag ein Zauber in ihren Augen, der Timothy für immer gefangen nahm. Der Verliebte flüsterte voller Inbrunst in ihr zartes Ohr:

»Darling I hope this will never end.«

Theresa hauchte ihm entgegen:

»Darling I will never leave you.«

In diesem Moment erklang irgendwo in der Ferne:

»Unforgettable that’s what you are …«

Timothy wurde von dieser Melodie getragen und begann mit seiner Liebsten auf dem einladenden Gehsteig zu tanzen. Eine Gruppe von jungen Leuten kam vorbei und beobachtete voller Bewunderung die Szene. Einer gab zum Besten:

»Habt ihr heute euren Abschlussball?«

Timothy in weltmännischer Manier:

»Nein, ich habe eine Wette verloren.«

Sein Engelchen fühlte sich unwohl und schlug vor:

»Komm lass uns reingehen.«

Sie unterbrachen den Tanz und betraten das Restaurant.

Am Eingang stehend, registrierten sie, dass alle Blicke der anwesenden Gäste auf sie gerichtet waren. Der Ober kam angeflitzt und bot ihnen einen Zweiertisch am Fenster an. Der Platz war ein idealer

Hort

für

den

bevorstehenden

184

Gaumenschmaus

des

Liebespärchens.

Das

gedämpfte Raumlicht ließ die auf den Tischen stehenden Kerzen eine romantische Atmosphäre entfalten. Händchenhaltend saßen sie am Tisch und schauten sich gegenseitig mit einem Blick voller Begehren, tief in die Augen. Die Zweisamkeit der Liebenden wurde kurz von dem herbei eilenden Ober mit den Speisekarten unterbrochen.

Theresa voller Neugier: »Du warst doch schon einmal hier. Kannst du mir etwas empfehlen?«

»Also ich esse jedes mal etwas anderes.«

»Es ist schon ein Weilchen her, dass ich beim Chinesen gegessen habe.«

»Wenn wir eine Düfte-Speisekarte hätten, dann müssten wir nicht mehr rätseln, was uns hier am besten schmeckt.«

»Du mit deinen Ideen, die bringen mir jetzt auch nichts.«

»Nimm doch Ente Gong Bao oder Ente süß-sauer.«

»Also gut, ich nehme Ente Gong Bao.«

»O.k. und ich nehme eine Peking Suppe und Ente süß-sauer.«

Nachdem geklärt war, was heute gegessen wird, gaben sich die beiden ihren zarten Streicheleien auf dem Tisch hin. Theresa überlegte laut:

»Ich hoffe, ich habe beim Einpacken nichts vergessen.«

»Du kannst ja heute Abend, wenn wir nach Hause kommen, noch einmal alles kontrollieren.«

185

Da kam der Ober mit seinem Notizblock an den Tisch und nahm die Bestellung auf. Passend zur Ente orderten sie noch eine Flasche Merlot. Für Essen und Trinken war nun gesorgt und dem Personal in der Küche konnte es auch nicht mehr langweilig werden. Ob die Ente aus der Tiefkühltruhe stammte oder ob sie eben frisch aus der Luft geschossen wurde, war unbekannt. Sicher schien aber, dass die Weinreben der Flasche Merlot, die der Ober gerade aus dem Weinregal angelte, in französischer Sonne gereift waren.

»Hast du überhaupt einen Wecker, damit wir morgen Früh nicht verschlafen?«

»Als Weltbürger habe ich natürlich einen.«

Da kam der Ober mit Wein und zwei Rotweingläsern an den Tisch und entkorkte fachmännisch die Flasche. Er schenkte Timothy einen Schluck of Taste in sein Glas, damit der Gourmet sein Geschmacksurteil abgeben konnte.

Timothy befand den Wein für gut und nickte dem Ober anerkennend zu. Der Meister seines Faches vollendete die Zeremonie mit dem Einschenken.

Das Pärchen erhob die Gläser und prostete sich gegenseitig zu. Timothy gab noch den Trinkspruch

»Auf die Liebe.« zum Besten.

»Mein Nadelstreifen-Prinz, kennst du New York?«

»Mein Engelchen, vor fünf Jahren war ich einmal im Metropoliten in der Oper Nabucco.«

»Du interessierst dich für Opern ...«

»Nichts geht über Pavarotti live sehen.«

186

»Ich bin auch ein Fan von ihm. Wenn ich ihn singen höre, dann geht es mir immer durch und durch.«

»Am liebsten höre ich O sole mio.«

»Mich begeistert … Ach, da kommt die Pekingsuppe.«

Theresa sah auf den mit einer Schüssel herbei eilenden Ober. Er servierte gekonnt die Suppe für Timothy:

»Den Reis bringe ich sofort.«

Timothy gab dem, auf dem Sprung zum nächsten Gast befindlichen Ober, mit auf den Weg:

»Bitte bringen Sie uns noch zum Hauptgericht zwei Stäbchen für Erwachsene.«

»Ja gerne.«

Entgegen der Tischsitte eröffnete er das Mahl und erkundigte sich bei Theresa, ob sie auch einmal kosten wolle. Ihre Neugier veranlasste sie, dies zu bejahen.

Timothy reichte ihr mit dem Porzellan-Suppenlöffelchen dieses Pekinger Vergnügen.

»Die schmeckt ja ausgezeichnet.«

»Findest du nicht auch, dass dieser etwas säuerliche Pilzgeschmack sich sehr gut abhebt, gegenüber der würzigen Schärfe der Brühe?«

Sie konnte nicht anders als dies durch ein lauthalses Lachen zu beantworten. Schließlich war es für sie eine Überraschung, dass Timothy durch seine

ausgewählte

Art

der

kulinarischen

187

Beschreibung

plötzlich

der

Gourmet-Szene

zuzurechnen war.

Das ist diese Art von Mensch, die die Nuancen der Sprache nutzt, um in Entdeckergestalt, sich in das vor ihnen befindliche Essen hinein zu versetzen und Sinne stimulierendes wie das Aroma, die Schärfe, die Würze, ... in gekonnter Wortwahl, zu Tage zu fördern.

Hier wie überall sonst im Leben gilt: Wer hat, der kann. Versuchen Sie es doch einmal bei Ihrer nächsten Essgelegenheit. Sie werden erleben, dass nicht nur das Lesen über solches, sondern auch das eigenständige Praktizieren Ihnen Lebensfreude schenkt.

Zwischenzeitlich war die Vorspeise gelöffelt und die Schüssel beiseite geschoben worden.

Das Liebespaar widmete sich wieder der gegenseitigen, zarten Liebkosung der Hände, mit der romantischen Begleitung von asiatischen Separee-Klängen.

Wieder einmal wurde die traute Zweisamkeit unterbrochen, durch den mit zwei wunderschön dekorierten Platten und einem Topf voll Reis jonglierenden Marathon Ober.

Auf jeder Platte befand sich ein aus Karotten handgeschnitzte Vogelart unbekannter Gattung, die jegliche Kritik an der künstlerischen Begabung des Kochs im Keim erstickte.

188

Damit war der Gaumenschmaus eröffnet und die sportliche Herausforderung für jeden Nicht-Asiaten, ein Essen mit Stäbchen zu verspeisen, konnte beginnen.

Timothy brannte es auf der Zunge: »Wie schmeckt deine Ente.«

»Natürlich nach Gong Bao. Und wie schmeckt süß-sauer?«

»Es schmeckt nach beidem.«

»Ich kann auch nicht sagen, ob ich mehr Gong oder mehr Bao auf dem Teller habe.«

»Wir könnten ja mal den Ober fragen.«

»Glaubst du nicht, dass er dabei etwas überfordert wäre?«

»Vorsicht. Vorsicht. Vielleicht verfügt der Mann über konfuzianische Weisheit.«

»Er trägt aber nicht diesen typischen Ziegenbart.«

»Dafür trinkt er grünen Tee.«

»Glaubst du an diesen Hokuspokus?«

»Willst du jetzt die asiatische Teeküche beleidigen?«

»Bestrafe mich wenn ich zu weit gegangen bin.«

»O.k. zur Strafe machst du morgen das Frühstück.«

»Die Angeklagte nimmt die Strafe an.«

»Haha. Willst du das amerikanische Strafrecht revolutionieren?«

»Nur wenn du mit machst.«

189

Dabei erhob Theresa ihr Weinglas und forderte Timothy auf, es ihr nachzutun. Der taufrische Gourmet verkündete:

»Auf unseren kreativen Geist – er möge nie ein Ende finden.«

Da sprach einmal wieder der Idealist von Timothy, denn vermögend ist er bislang durch seine Ideen noch nicht geworden. Alles was reich macht, verrät der Lebenskünstler selbstverständlich nicht.

Hat

die

CIA

davon

profitiert,

Chicagos

Ideenmaschine zu überwachen?

Das einzige, was nennenswert wäre, ist der KI-Staat. Oder glauben Sie, dass die CIA daran interessiert ist, die Uhren ihres Personals via Satellit zu synchronisieren?

Apropos Uhrzeit, zwischenzeitlich war es spät geworden und die Gedanken des Liebespaares kreisen synchron um die vor ihnen liegende erotische Nacht. Sie hatten nichts Eiligeres im Sinne als den Ober, um die Rechnung zu bitten und auf kürzestem Wege nach Hause zu fahren.

»Wo soll ich mein Auto abstellen?«

»In der Seitenstraße neben meiner Wohnung.

Vergesse nicht deinen Koffer mitzunehmen.«

»Trägst du ihn für mich nach oben?«

»Nur wenn er nicht zu schwer ist.«

»Keine Sorge, meine Hanteln habe ich nicht eingepackt.«

190

Als sie die Wohnung betraten, schnupperte Theresa bedächtig:

»Hast du heute Mittag Pizza gegessen?«

»Riecht man das noch?«

»Am besten du machst gleich die Fenster auf.«

Timothy stellte den Koffer im Wohnzimmer ab und öffnete umgehend die Fenster. Währenddessen überlegte er, ob er noch heute Abend alles packen sollte. Viel lieber war ihm aber der Gedanke, zusammen mit Theresa im Bett zu liegen und sich der Liebe hinzugeben. Weil dem so war, ging er auf seinen Darling zu, küsste sie und begann sie langsam auszuziehen. Sie unterbrach den Strip, indem sie ihn aufforderte, doch eine CD von Andreas Bocelli einzulegen. Sie meinte, dass sie das jetzt bräuchte, um in Fahrt zu kommen.

Timothy kam ihrem Wunsch nach und gab diesem weltberühmten Tenor die einmalige Gelegenheit, bei diesem erotischen Abend die akustische Hintergrund Atmosphäre zu übernehmen.

Timothy kehrte zurück zu diesem gut gebauten Körper und setzte das beidseitig stimulierende Ausziehen von unnötigen Kleidungsstücken fort.

Sein heißgeliebtes Gegenüber tat es ihm nach und es dauerte nicht lange, bis die beiden sich nackt gegenüberstanden. Der zu allem bereite Timothy schaute Theresa an um sicherzugehen, dass er das Richtige mache:

»Willst du ins Schlafzimmer?«

191

»Nur wenn du mich trägst.«

Der von seinen männlichen Trieben entflammte Timothy schnappte sie an ihren Hüften, hob sie in den Reitersitz und lief mit ihr ins Schlafzimmer.

Was dann geschah, lässt sich auf zwei Arten erzählen. Die erste Fassung ist für alle bis zum 18.

Lebensjahr. Die zweite ist für alle, die älter sind.

Die beiden legten sich Er legte sie sanft auf das auf

das

Bett

und Bett

und

begann

umarmten sich. Sie genüsslich ihre Brüste küssten sich ein letztes zu

küssen.

Mal, wünschten sich Währenddessen eine gute Nacht und streichelte sie seinen schliefen bald darauf Rücken und fuhr mit ein. Theresa träumte in ihren Händen durch dieser Nacht, wie sie mit seine Haare. Von ihrem Timothy

auf

einem ekstatischen

Stöhnen

Schimmel

über

die begleitet, küsste er sie

Wiesen galoppierte. Sie über ihren Bauchnabel hob sich an ihm fest und hinweg, bis hinab zu flüsterte ihm ins Ohr: ihrem Schoß. Dann kam

»Mein Schatz ich liebe er über sie und drang dich.«

zärtlich

in

ihr

Timothy drehte sich zu Allerheiligstes ein.

ihr

herum

und Theresa konnte sich

antwortete:

»Schatzi nicht mehr zurückhalten

ich liebe dich auch.«

und feuerte Timothy an:

192

»Ja, mach weiter so. Ja, ja…«

Zwischenzeitlich war es 7 Uhr . Der Wecker fing an zu klingeln und die beiden konnten nicht anders als ihre Augen öffnen. Theresa drehte sich zu Timothy und berührte mit ihrer Hand seine Wangen. Er flüsterte:

»Guten Morgen, hast du gut geschlafen?«

»Ich habe von uns geträumt.«

»War es etwas Schönes?«

»Wir ritten beide auf einem Schimmel über die Wiesen.«

»Auf einem Schimmel bin ich noch nie geritten.«

»Sei doch nicht so nüchtern.«

»Was heißt hier nüchtern, das sind die Fakten.«

»Also ich werde das Frühstück zubereiten. Du kannst dich ja schon mal duschen.«

»O.k. bis gleich.«

und machte sich auf den Weg ins Badezimmer. Um so richtig aufzuwachen, wechselte er das Duschwasser immer wieder zwischen warm und kalt. Danach trocknete er sich sorgfältig ab und schlüpfte in seine frische Unterwäsche. Theresa hatte währenddessen das Frühstück auf dem Esszimmertisch gerichtet und wartete darauf, dass Timothy aus dem Badezimmer zurückkommen würde. Sie setzten sich an den Tisch und 193

frühstückten vergnügt das Toastbrot mit Marmelade. Theresa unterbrach die Stille:

»Gestern hatten wir einen wunderschönen Abend.«

»Ich werde ihn auch nicht so schnell vergessen.«

»Du bist der zärtlichste Mann den ich je hatte.«

»Auch du bist mein Herzblatt.«

Nach dem Frühstück räumte Timothy auf und ging ins Schlafzimmer, zum Koffer packen. Inzwischen nahm Theresa eine Dusche und machte sich startklar für die Reise. Jeder schnappte sein Gepäck und ging damit zum Auto. Sie fuhren los in Richtung Flughafen. Glücklicherweise war wenig Verkehr. Sie stellten das Auto im Parkhaus ab und machten sich auf den Weg zum Check-in der American Airlines. Alles lief problemlos und die beiden saßen bald schon im Flugzeug nach New York.

Der am Fenster sitzende Timothy:

»Eigentlich hätten wir mit dem Fahrrad nach New York fahren müssen.«

»Ich bevorzuge aber das Fliegen .«

»Wenn ich schon fliegen muss, dann überlege ich mir zumindest wie man dabei Energie einsparen könnte.«

»Dann leg mal los.«

»Also, pass mal auf. Nachdem ein Flugzeug gelandet ist, muss es seine Geschwindigkeit bis auf null abbremsen. Beim Starten dagegen muss es

von

null

auf

Startgeschwindigkeit

194

beschleunigen. Das Flugzeug ist beim Abheben etwa genauso schnell wie beim Landen. Wenn man die beim Abbremsen umgesetzte Energie speichern und zum Beschleunigen des Flugzeuges wieder verwenden würde, dann könnte man dadurch Kerosin einsparen.«

»Wie willst du die Energie speichern?«

»Man könnte eine Vorrichtung bauen, die das Flugzeug nach der Landung auffängt und über einen Kolben Druckluft in einen Behälter fördert.

Beim Starten wird die Druckluft aus dem Behälter verwendet und über eine Vorrichtung, die an das Fahrgestell angekoppelt ist, das Flugzeug beschleunigt.«

»In der Theorie mag das funktionieren, aber in der Praxis kann ich mir nicht vorstellen, wie du das Flugzeug mit deiner Vorrichtung abstoppen willst.

Die Beschleunigung mit der Druckluft dagegen halte ich für machbar.«

»Ich könnte es nicht selbst bauen, aber vorstellen kann ich es mir schon. Ist jetzt auch nicht so wichtig. Reden wir von etwas anderem.«

»Ich hätte da auch eine Idee, um Energie zu sparen.

Wenn man anstelle von Sprit die Autos mit Sprengstoff aus Bomben antreiben würde. Im Kolben des Motors, wo sonst das Treibstoff-Luft 195

Gemisch explodiert, wird nun Sprengstoff gezündet.«

»Glaubst du, dass der Motor das aushält?«

»Natürlich. Man muss nur das richtige Material wählen. Wenn man die Druckwelle der Explosion berechnet, kann man Ventile an den Orten gleichen Druckes in den Druckraum einbauen, in welchem die Explosion stattfindet. Die durch die Ventile

entweichende

Luft

treibt

einen

Druckluftmotor an.«

»Ich finde es fantastisch, den Sprengstoff für zivile Zwecke zu nutzen.«

»Soll ich mir diese Idee patentieren lassen?«

»Wenn du dir sicher bist dass man so etwas bauen kann, dann mache es.«

Es dauerte nicht lange und das Flugzeug hob, bislang noch ohne Timothys Startvorrichtung, in Richtung New York ab.

196

Geburtsstunde der

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