Endstation unvergesslich by art.TM - HTML preview
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Mathematiklehrerin
Es ist 12 Uhr mittags und infolgedessen läutet die Pausenklingel an einer High School in Chicago die Mittagspause ein. Die Schüler:innen haben jetzt natürlich nichts Wichtigeres im Sinne, als schnellstmöglich das Klassenzimmer zu verlassen.
Theresa,
eine
Mathematiklehrerin,
packt,
angefangen vom Taschenrechner, bis hin zum Lehrbuch,
ihre
Utensilien
in
die
dafür
bereitstehende Ledertasche. Sie unterrichtet die 10. bis 12. Klasse und ist eine passionierte Mathematikerin. Zu ihren Hobbys zählt die Anwendung und Deutung von mathematischen Zusammenhängen im täglichen Leben. Im höchsten Maße ein außergewöhnliches Dasein.
Ihre leuchtenden schwarzen Haare und die meist kaminrot lackierten Fußnägel vereinen Intelligenz und Schönheit in einem noch dazu schlanken Körper. Umrahmt von braunen, liebevollen Augen, die gut zu ihrem sanftmütigen Wesen passen.
Trotz dessen hatte sie noch nie Schwierigkeiten 109
rebellischen
Schüler:innen.
Doch
komischerweise muss sie eingestehen, dass ihr Beruf sie nervlich sehr strapaziert. Deshalb hatte sie eines Tages auch beschlossen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.
Es geschah, als sie an jenem Montagmorgen aufstand, nachdem sie die Nacht zuvor kein Auge zugemacht hatte. Sie nahm das Telefonbuch und suchte einen Therapeuten. Aus dem reichhaltigen Angebot wählte sie den Namen Dr. Petersen ...
»Guten Tag, mein Name ist Theresa Wullenbrook, ich hätte gerne einen Termin. Nein, ich war noch nie bei ihnen. Morgen Vormittag um 10 Uhr, ja, das passt mir sehr gut.«
Danach ließ sie sich in ihrer Schule für die nächsten beiden Tage krank melden. Ohne zu frühstücken ging sie zurück ins Bett. Theresa nahm eine Schlaftablette und es dauerte nicht lange, bis sie einschlief. Sie träumte von einem Besuch beim Psychotherapeuten. Im Traum focht sie einen Kampf mit sich selbst, denn irgendwie konnte sie sich nicht entscheiden, was sie diesem Fremden alles erzählen soll. Obwohl von der äußeren Erscheinung dieser Therapeut so eine Art Vaterfigur für sie war, stellte sich trotzdem kein vollständiges Vertrauensverhältnis bei ihr ein.
Vielleicht lag es an der großen Brille und den aus ihr hervor starrenden Augen, inmitten dieses runden, faltigen Gesichtes, weshalb sie ihm ihr Innerstes nicht zeigen wollte.
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Am späten Nachmittag erwachte sie wieder und quälte sich mühsam aus dem Bett. Sie ging ins Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Was ihr darin entgegen sah, waren zwei müde Augen, ein blasses Gesicht und eine chaotische Frisur.
Mach dich frisch, schien der passende Vorschlag für den Augenblick. Kurzum zog sie ihr Nachthemd aus, öffnete die Schiebetür der Dusche und drehte schon einmal den Warmwasserhahn auf. Als warmes Wasser kam, stieg sie in die Duschkabine und zog die Tür hinter sich zu. Sie genoss es, das Wasser auf ihren Kopf prasseln zu lassen. Nach ein paar Minuten dieses Vergnügens seifte sie ihren Astralkörper ein. Es roch nach Kräutern. Ein wenig Seife muss ihr in die Augen gelaufen sein, denn ihr linkes Auge brannte plötzlich sehr heftig
...
»Ja, so ein Ärger, wo ist das Handtuch?«
Sie hatte vergessen, eines bereitzulegen. Ihr erster Gedanke war, das bisschen Seife wird mich schon nicht umbringen.
Nach dem Duschen trocknete sie sich ab, zog ihren Pyjama an und ging in die Küche.
Lust zum Kochen hatte sie heute nicht. Zum Glück ist so etwas ja kein Problem mehr. Von Hunger getrieben, nahm sie das Telefon in die Hand und wählte die Nummer vom Pizzaservice, die sie auswendig kannte.
»Hallo, ich hätte gerne eine vegetarische Pizza für Wullenbrook in der 5. Avenue, Hausnummer 24.«
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Zum Essen wäre ein Gläschen Wein die richtige Wahl. In der Vitrine stand noch ein Pinot Noir. Sie arrangierte die Flasche sowie ein Weinglas auf dem Esszimmertisch, neben Messer und Gabel.
Nach den Vorbereitungen blieb noch genug Zeit, um ins Badezimmer zu gehen und die Haare zu fönen. Währenddessen klingelte es an der Wohnungstür.
Mit einem Blick durch den Spion erkannte sie einen jungen Mann, mit einem kleinen Karton in der Hand – der Pizzaservice. Schnell öffnete sie die Tür und grüßte ihn mit einem freundlichen »Hallo.«
»Hallo, hier ist die Pizza für Wullenbrook. Das macht 10 Dollar.«
Er drückte ihr den Karton in die Hand und nahm das Geld entgegen. Theresa dankte ihm und er verabschiedete sich mit einem
»Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit.
Tschüss.«
Er drehte sich um und verschwand schnellen Schrittes im Treppenhaus. Schwungvoll warf sie die Tür ins Schloss und setzte sich an den Tisch.
Ihr knurrender Magen spornte sie an, möglichst schnell davon ein Stück zu kosten. Sie öffnete den Karton und ein Duft von frischem Basilikum und Broccoli breitete sich im Halbraum über der Pizza aus.
Im Hinblick auf die bevorstehende Einswerdung mit diesem aus der kulinarischen Fantasie hervorgebrachten und von Händen geschaffenen, 112
kurzlebigen Werkes eines Pizza-Virtuosen. Von ihren flinken Händen wurde die runde Scheibe in nahezu gleich große Segmente unterteilt. Dem eleganten Griff ihrer rechten Hand, zum auserwählten ersten Stück, folgte ein Öffnen des zarten Mundes, bis hin zur Vereinigung der beiden.
Vergnügt, kaute sie ein Stück nach dem anderen und trank zwischendurch einen Schluck vom genussvollen Pinot Noir. Vor allem das leicht fruchtige und zugleich auch würzige Bouquet des Rotweines hob ihre Stimmung.
Nachdem Theresa nahezu die Hälfte der Pizza verzehrt hatte, kam ihr der Gedanke, dass eine klassische CD jetzt genau das richtige wäre, um dieses Essen zu vervollkommnen.
Die perfekte Harmonie … die „Vier Jahreszeiten“
von Vivaldi.
So verrann die Zeit und bald schon war das der Fantasie
des
kreativen
Pizza
Meisters
Entsprungene gegessen und der Wein getrunken.
Zwischenzeitlich war es Abend geworden und Theresa hatte Lust auf einen Spaziergang. Sie schlenderte entlang der Schaufensterläden und blieb hin und wieder davor stehen, um ein Kleid oder etwas Ausgefallenes zu bewundern.
Nach einer Stunde kehrte sie heim und nahm noch ein Fußbad. Das heiße Wasser mit dem Badezusatz für die Entspannung prickelte herrlich auf der Haut. Das Kitzeln an den Fußsohlen erinnerte sie an einen ihrer Ex-Lover, der sie allmorgendlich auf 113
diese Art aus dem Schlaf erweckte. Sie hatte ihm deshalb auch den Schmusenamen Tickleberry gegeben.
Für heute habe ich genug getan dachte sie und trocknete dabei ihre Füße mit dem Handtuch ab.
So schlüpfte sie wieder in ihr Nachthemd und entschied sich Schlafen zu gehen. Morgen früh um 10 Uhr hatte sie schließlich den Termin beim Psychotherapeuten.
Der Wecker klingelte um 8 Uhr. Theresa stand auf, ging in die Küche, legte ein Brötchen in die Mikrowelle und brühte einen Kaffee auf. Das übliche morgendliche Prozedere. Sie las die Tageszeitung, in der heute, außer einem politischen Skandal, nichts Außergewöhnliches stand.
Es war 8:45 Uhr - Zeit um in die Dusche zu gehen.
Als sie vor dem Spiegel stand und ihren Blick an sich hinab gleiten ließ:
»Meine liebe Theresa, dieser Körper reizt jeden Mann. Du solltest nicht immer so lange allein bleiben. Suche dir wieder einen Freund.«
Flink trocknete sie sich ab und schlüpfte in ihre frische Unterwäsche. Plötzlich klingelte das Telefon.
»Hallo, hier spricht Theresa Wullenbrook.«
Am anderen Ende war ihre Mutter, die sich nach ihrem Befinden erkundigte.
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»Mama, ich habe jetzt keine Zeit für dich. Um 10
Uhr habe ich einen Termin. Ruf mich doch heute Abend an.«
Es war bereits 9:15 Uhr – höchste Zeit, sich anzuziehen und wegzugehen. Sie rannte ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und nahm das rote Kleid heraus. Rasch zog sie sich an und schlüpfte in die Schuhe. Mit einem Blick kontrollierte sie ihre Handtasche.
Die Praxis des Psychotherapeuten lag ungefähr 15
Minuten von hier. Es war kaum Verkehr. Um diese Uhrzeit waren die meisten Angestellten schon in den Büros. Sie schaffte es und stand rechtzeitig um 9:55 Uhr vor der Praxis. Sie öffnete die Tür und betrat einen Raum mit gemütlicher Ausstrahlung.
»Guten Morgen, mein Name ist Theresa Wullenbrook. Ich habe um 10 Uhr einen Termin.«
und reichte ihr ihre Versichertenkarte.
Die Sprechstundenhilfe sah in ihren Terminplaner:
»Ja, stimmt, bitte nehmen Sie so lange im Wartezimmer noch Platz. Herr Doktor Petersen wird Sie dann aufrufen.«
Theresa wandte sich ab und ging zum Wartezimmer. Dort saßen zwei Personen, eine Frau um die 40 und ein Mann um die 50.
»Guten Morgen.« grüßte Theresa und nahm sich ein Nachrichtenmagazin vom Tisch. Woraufhin beide im Einklang erwiderten: »Guten Morgen.«
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Das Magazin schien sie aber nicht sonderlich zu interessieren. Heimlich schweiften ihre Gedanken um das Gespräch, das sie gleich führen würde. So verrannen die Minuten, bis Frau Smith aufgerufen wurde.
Soll ich ihm wirklich alles verraten?
Nachher hält er mich für völlig verrückt.
Hoffentlich muss ich keine Medikamente nehmen.
In diesem Augenblick ertönte über den Lautsprecher ihr Name. Theresa stand auf und ging aus dem Wartezimmer, hinüber zum Behandlungszimmer. Sie klopfte an und eine männliche Stimme antwortete: »Ja bitte«.
Sie öffnete die Tür und sah vor sich einen Mann um die 45 hinter einem Schreibtisch. Der begrüßte sie mit einem freundlichen:
»Guten Morgen Frau Wullenbrook. Bitte nehmen Sie doch Platz.«
Dabei deutete er auf den Stuhl vor seinem Tisch.
»Guten Morgen Herr Dr. Petersen« und setzte sich.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ich bin manchmal unkonzentriert, wenn ich mit anderen spreche. Mir geht dann allerlei durch den Kopf und ich verstehe dann nicht mehr, was gesprochen wird.«
»Nehmen Sie Beruhigungsmittel?«
»Nein, nur wenn ich abends nervös bin nehme ich eine Schlaftablette.«
»Haben Sie schon einmal Stimmen gehört?«
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»Ja, vor einer Woche, als ich nachmittags von der Schule zurückkam, da war ich mit den Nerven ziemlich am Ende. Ich legte mich auf das Sofa, weil sich vor meinen Augen alles drehte. Als ich die Augen schloß und versuchte zu entspannen, da war es mir als ob ich Stimmen hörte.«
Ist das nicht außerhalb dessen, was man sich noch vorstellen kann?
»War es eine weibliche oder eine männliche Stimme, die Sie hörten?«
»Eine weibliche.«
»Waren Sie schon einmal in einer Nervenklinik?
Sie haben typische Symptome einer Psychose.«
»Nein, bisher noch nicht.«
»Ich
empfehle
Ihnen,
eine
Nervenklinik
aufzusuchen, um eine gewisse Zeit beobachtet zu werden. Dort erhalten Sie Medikamente, sogenannte Neuroleptika. Am besten weise ich Sie in die Oliver Turpet Nervenklinik ein.«
»Das habe ich mir gedacht. Wann muß ich dorthin gehen?«
»Ich empfehle Ihnen heute schon hinzugehen. Je früher desto besser.«
»Gut, dann gehe ich gleich nach hause und packe meine Sachen.«
»Warten Sie bitte noch einen Moment im Vorzimmer, bis ich die Einweisung geschrieben habe.«
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Sie stand auf, verließ das Behandlungszimmer und lehnte sich im Vorzimmer an die Theke. Die Sprechstundenhilfe erkundigte sich bei ihr:
»Benötigen Sie einen neuen Termin?«
Theresa schüttelte den Kopf:
»Nein, ich warte nur bis Doktor Petersen die Einweisung in die Oliver Turpet Nervenklinik geschrieben hat.«
Da öffnete sich auch schon die Tür des Behandlungszimmers
und
Doktor
Petersen
erschien mit einem Brief in der Hand. Er überreichte ihn mit den Worten:
»Bitte geben Sie diesen Brief an Herrn Doktor Jewing auf der Station 4 in der Oliver Turpet Nervenklinik.«
Theresa nahm ihn entgegen, verabschiedete sich und verließ die Praxis.
Sie quälte sich mit …
Was wird das Kollegium sagen, wenn sie hören, dass sie in einer Nervenklinik ist?
Kann es sein, dass sie genötigt wird, ihren Job aufzugeben?
Wie geht der Staat mit einer psychisch kranken Lehrerin um?
Ist damit ihr sozialer Abstieg vorprogrammiert?
Auf dem Nachhauseweg überlegte sie, was alles einpacken ist. Da fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte zu fragen, wie lange sie wohl dort bleiben 118
muss. Als sie die Wohnungstür zu ihrem Apartment aufschloss warf sie einen Blick auf ihre schöne Einrichtung:
Ach, mein schönes Zuhause, ich muss dich für ein Weilchen verlassen ...
Zog ihre Jacke aus und hing sie an die Garderobe.
Im Schlafzimmer nahm sie den Koffer vom Schrank und warf ihn auf das Bett. Darin verstaute sie ihre Kleider, Nachthemd, Jogginganzug, Unterwäsche sowie die Handtücher.
»Ich muss noch eine Tasche für die Schuhe mitnehmen.
Vorher trinke ich aber noch gemütlich Kaffee.«
In der Küche brühte sie ein Kännchen auf.
Während das heiße Wasser auf das Arabica Kaffeepulver tropfte, lief sie durch die Wohnung und kontrollierte, ob alle Fenster verschlossen waren.
Sie holte eine Tasse, sowie eine Kaffeekanne und setzte sich an den Tisch. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, barg die nahe Zukunft etwas was ihr Angst machte. Ihre Gedanken kreisten um Fragen wie:
Warum ich?
Bin ich nun für immer bei den psychisch Kranken?
Soll ich meine Krankheit im Freundeskreis verschweigen?
Wird es schlimmer werden?
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Keine Sorge ihr Fans von Theresa, sie wird das schon durchstehen.
Dann finden die mathematischen Studien eine Fortsetzung. Wir trösten uns mit Sokrates Gedanken:
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
Da fiel ihr ein:
Ich muss noch meinen Eltern Bescheid geben und griff zum Hörer.
»Hallo Mama. Ich muss für einige Zeit in eine Klinik. Wenn ich dort bin, melde ich mich. Nein, ich habe keinen Unfall gehabt. Es ist eine Nervenklinik.
Die Oliver Turpet Nervenklinik. Ihr könnt mich ja besuchen.
Also bis dann. Tschüss.«
Sie trank ihren Kaffee aus, spülte noch das Geschirr und holte eine Tasche für die Schuhe.
Schwer bepackt ging sie zu ihrem Auto.
In Gedanken versunken startete sie und fuhr los.
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Theresa in der
