Trilogie - Die letzten Rätsel des Steinlachtals by Michael Gauger - HTML preview
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DIE TEMPLER

In Belsen, wie auch in Öschingen, hätten früher also angeblich «Templer gewohnt»17.
Doch wer waren diese Templer eigentlich?
Die Templer, auch genannt Tempelritter oder Tempelherren18, waren ein Orden von Rittermönchen,
um 1119 im französischen Troyes bzw. Jerusalem gegründet, die im Heiligen Land und auch sonst für
viel Furore sorgten; Macht und Einfluss der Templer sind beispiellos. Sie besaβen ein ganzes
Imperium aus Immobilien und Land, Ansprüchen und Zehnten. Mehrere Könige, und ganz besonders
englische und französische, waren bei ihnen hoch verschuldet; sie waren die ersten internationalen
Bankiers: und haben dabei gleich noch den «traveller checque» erfunden! Märchenhaft reich –
obschon nennenswerter persönlicher Besitz den einzelnen Mitgliedern untersagt war – sind die
Templer bis heute sagenumwoben und geheimnisvoll wie kaum eine zweite Gruppierung aus dem
Mittelalter: man kann bei ihnen sogar durchaus von einer «Groβmacht» sprechen! Zwischen 1307
und 1314 wurden sie dann in einer konzertierten Aktion von König Philipp IV. von Frankreich
(genannt «der Schöne») und Papst Clemens V. vernichtet und enteignet19. Um es kurz zu machen ;-)
In der Folge durften die zwei anderen mächtigen Ritterorden jener Zeit, die Johanniter/Malteser und
die Deutschordensritter, die Templer beerben, also Land und Güter gingen an diese über. Wobei
bewegliche Reichtümer – also der legendäre Templerschatz – noch bis heute vermisst und gesucht
werden.
Diese Tempelritter trugen den Eigennamen «Arme Ritterschaft Christi und des Salomonischen
Tempels zu Jerusalem»20, weil sie sogleich nach ihrer Gründung von König Balduin II. von Jerusalem
den Tempelberg als Quartier zugewiesen bekamen (genauer: den südlichen Teil davon, ohne den
Felsendom). Das war kurz nach dem 1. Kreuzzug von 1096-1099, in welchem christliche Kämpfer
Jerusalem von den Muslimen erobert hatten. Schon die Eigenbezeichnung wie auch das Domizil der
Templer weisen sie also als regelrechte «Salomonsritter» aus. Darauf kommen wir später noch
zurück. Offiziell wurden sie gegründet, um die christlichen Pilger im Heiligen Land zu beschützen.
Allerdings sind die 9 Gründer diesem Ideal erst viel später nachgekommen, wenn überhaupt21.
Zunächst haben sich diese 9 Rittersleut` wohl archäologischen Forschungen in Jerusalem gewidmet,
und sogar den Grundsatz gefasst, während der ersten 9 Jahre ihres Bestehens keine weiteren
Mitglieder aufzunehmen, so der Historiker Wolfgang Eggert22. Eggert kommentiert ironisch: «Neun
Mann zur Sicherung eines umkämpften Krisengebiets!!»23. Schon die offizielle Gründungsgeschichte
der Templer passt also nicht mit ihrer eigentlichen Mission zusammen, und wirft Fragen auf.
Die Zahl 9 spielt im Gründungsmythos der Templer eine groβe Rolle, und wird uns in diesem Artikel
noch mehrmals begegnen. Ebenfalls die 18, als Kurzcode für die „Zahl des Tieres“...
In den nun folgenden Abschnitten (die mit dem Schwert) wollen wir einige beliebte Fehlannahmen
um diesen Ritterorden genauer beleuchten.
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Templer waren kein «Geheimbund»
Entgegen populären Annahmen müssen wir zunächst festhalten, dass die Templer eben kein
«Geheimbund» waren 24 (also nicht beweisbar über ein spezielles «Geheimwissen» verfügten),
sondern schlicht ein kampforientierter mittelalterlicher Orden, den man in Wort und Tat als in seiner
Zeit eingebettet sehen muss: von tiefem Glauben beseelt und entsprechend ambitioniert. Bis vor
einiger Zeit nahm ich ebenfalls fälschlich an, die Templer seien eine Art «Geheimbund»25: aber das
entspricht wohl nicht dem Stand der Forschung.
Man könnte die Templer in ihrer Eigenschaft als Orden aber sehr wohl als eine «geschlossene
Gesellschaft» ansehen, in Form einer Genossenschaft, zu der allerdings nicht jeder Zugang hatte.
Als eine geistliche (und eben auch geistige) Elite ihrer Zeit darf man wenigstens führenden
Mitgliedern der Templer auch hohe Bildung und Intellekt attestieren, und aufgrund ihres
«Einsatzgebietes» auch Einflüsse aus kulturellem Austausch mit dem Nahen Osten generell. Zudem
verfügten sie – als mächtige Bankiers ihrer Zeit – ganz sicher über gewisse
«Geschäftsgeheimnisse», die man eben nicht gleich jedem unter die Nase reibt… einen hohen Grad
an «Elitenwissen» eingeschlossen (dazu unten mehr, bei «offene und verborgene/okkulte
Bedeutungen»).
Templer konnte niemand so einfach werden. Es herrschten strenge Aufnahmekriterien:
unverheiratet, von unzweifelhaft ehelicher und adeliger Abkunft26 etc.
Zudem das Gelübde um Keuschheit, Armut und Gehorsam! Wenngleich sie später
wegen Personalmangel (aufgrund vieler im Kampf gefallener Brüder) auch durchaus Verbrecher
aller Art aufnahmen 27. Das heiβt, die Templer waren sehr wohl ein elitärer und exklusiver Verein.
Was ja auch die antiken Mysterienkulte und Einweihungsriten waren (Isis-Osiris-Horus, Eleusis,
Mithras, Tammuz etc.), wo der «Adept» sich in endlosen Mysterien (also Einweihungen und
Schulungen in höhere Grade) über «Profane» zu erheben versuchte. Man wollte «Gott» über den
Intellekt/Verstand erreichen (sog. «Gnosis» = Erkenntnis), anstatt, wie in der Bibel mehrfach
geboten, über Demut und das Herz! Welches Salomo ja in älteren Tagen nicht mehr ungeteilt beim
Herrn hatte, da er anfing, fremden Göttern seiner Frauen zu opfern (1. Könige 11, 4): «Und es geschah
zur Zeit, als Salomo alt geworden war, da neigten seine Frauen sein Herz anderen Göttern zu. So
war sein Herz nicht ungeteilt mit dem HERRN, seinem Gott, wie das Herz seines Vaters David.»
Und wie stand es dann mit den Templern als ausgewiesenen «Salomonsrittern»?
Die den antiken Mysterienkulten vergleichbare «elitäre Exklusivität» des Ordens jedenfalls hat die
Gerüchteküche um die «geheimnistuerischen» Templer sicherlich mit befeuert. Und sie in der
öffentlichen Wahrnehmung zu Bewahrern ketzerischer Kulte oder schlicht zu einem Geheimbund
gestempelt. Bis heute. Ob sie das aber wirklich waren, ist nicht beweisbar; obschon es in ihren
späteren Zeiten sicher «in Mode gekommen» war, mit nahöstlichem Gedanken- und Bildgut zu
spielen, siehe oben.
9
Ketzerische oder blasphemische Aktivitäten können wir den Templern also nicht nachweisen.
Vielleicht aber hatten sie eigenwillige Aufnahmeriten, die zwar „christlich“ gemeint, aber
unchristlich gedeutet bzw. gegen sie verwendet werden konnten, so wie etwa hier:
Die Anthroposophen in der Tradition des Esoterikers Rudolf Steiner betonen zum «Einweihungsweg
der Templer»: «Und weiter sagten die Templer: Jetzt sind wir an einem Zeitpunkt, wo die Menschen
noch nicht reif sind, die große Lehre zu verstehen, noch müssen wir sie auf den Täufer Johannes
vorbereiten, der mit Wasser tauft. - Das Kreuz wurde vor den hingestellt, der Templer werden
wollte, und ihm wurde gesagt: Du sollst dieses Kreuz jetzt verleugnen, um es später zu verstehen,
erst ein Petrus werden, erst wie Petrus, der Fels, der den Herrn verleugnet hat, die Lehre
verleugnen. Das wurde als eine Vorschule dem zukünftigen Templer beigebracht.» 28
Was an dieser «Überlieferung» dran ist, muss allerdings unklar bleiben, zumal keine weitere Quelle
für diese Behauptung angeführt wird – auβer Herrn Steiner selbst

Templer nicht unbedingt die «Guten»
In der öffentlichen Wahrnehmung sind die historischen Templer meist die moralisch «Guten». Dass
sie kampfstark und heroisch waren, kann man ihnen als militärische Elite ihrer Zeit auch nicht
absprechen. Ebenso wenig tiefe Verwurzelung im Glauben. Naja, wenigstens anfangs... Ansonsten
gelten die Templer meist als die «Armen» - wie schon ihr Eigenname vorwegnahm
als diejenigen, denen unter fadenscheinigen Gründen zwischen 1307 und 1314 (also ca. 190 Jahre
nach ihrer Gründung) eine Art Schauprozess gemacht wurde, während die katholische Kirche - und
der damalige König von Frankreich natürlich - sich als die Bösen in einem perfiden Spiel
hervorgetan hätten. Papst und Kirche hätten mit den Templern eine gewichtige Konkurrenz – auch
in der Glaubensauslegung – grausam und skrupellos vernichtet, dies mittels frei erfundener
Verleumdungen und Anklagen.
Bei Lichte betrachtet stimmt das aber nicht ganz. Zwar waren viele Anklagen in diesem vorher
entschiedenen Schauprozess wirklich an den Haaren herbeigezogen, andere jedoch nicht29.
Es gab bei den Templern durchaus sogenannte «unchristliche Umtriebe», bzw. sogar Ursprünge, auf
welchen die damalige Anklage aufbauen konnte… Bereits Papst Innozenz III. hätte den Orden im
Jahre 1208 «unchristlicher Umtriebe» wegen zur Ordnung gerufen30. Mehr dazu in der Fortsetzung
dieses Artikels. Zudem wurden die höchst privilegierten Templer – sie waren nur dem Papst
unterstellt, mussten keinen Zehnten zahlen, durften selbigen dagegen einziehen, und sogar Geld
gegen Zinsen verleihen, was damals eigentlich verboten war, aber stillschweigend hingenommen
wurde31 – mit zunehmender Machtfülle offenbar immer hochmütiger, anmaβender und – entgegen
ihrer Ordensregel - auch immer fordernder32. Und ausschweifend: ein mittelalterliches Sprichwort
besagte gar: «Er säuft wie ein Templer»33. Während die Deutschritter – welche wie die Johanniter im
10
Heiligen Land teils mit, teils gegen die Templer kämpften - im Baltikum über ein eigenes
Staatswesen verfügten, das etwa die doppelte Gröβe der heutigen Schweiz hatte, blieb dieses Ziel
den Templern verwehrt34. Jedoch verfügten sie über ein gewichtiges Druckmittel, mit dem sie Könige
in Europa in der Hand hatten: ebendiese Könige waren mit immensen Summen bei den Templern
verschuldet. Weswegen einige Könige, wie beispielsweise der englische und der französische, um
das Jahr 1300 nicht ganz unbegründete Angst vor einem «Coup» der Templer hatten, welche bereits
einen «Staat im Staat» bildeten35.
Der Historiker Wolfgang Eggert bemerkt dazu: «Wenn sich dieses System erst einmal gegen einen
Potentaten zur Wehr setzen würde, dann gäbe es für kaum einen Machthaber der Welt ein
Entrinnen.», und weiter: «Es war damit nurmehr eine Frage der Zeit, wann sich die französische
Krone als Gastgeber der Templer dazu entschließen würde, präventiv gegen den sich abzeichnenden
Staat im Staate loszuschlagen.» 36
So mahnte König Heinrich III. von England (er hatte den Templern wohl gar die Kronjuwelen
verpfändet37!) angeblich schon im Jahr 1252 an38: “Ihr Prälaten und Religiösen, besonders ihr
Templer und Johanniter, habt so viele Freiheiten und Urkunden, dass eure enormen Besitztümer
euch rasend machen mit Stolz und Hochmut. Was unvorsichtig gegeben wurde, muss daher
umsichtig zurückgenommen werden; und was rücksichtslos verliehen wurde, muss rücksichtsvoll
widerrufen werden”. Der Meister des Tempels antwortete unverzüglich: “Was sagst du, oh König?
Fern sei es, dass dein Mund so unangenehme und alberne Worte hervorbringt. Solange wie du
Gerechtigkeit üben wirst, wirst du herrschen; aber wenn du sie verletzen solltest, wirst du nicht
mehr König sein!” – unverhohlene Drohungen von beiden Seiten…
Das alles ist zwar noch lange kein Grund, die ab 1307 verfolgten und inhaftierten Templer derart
bestialisch zu behandeln, mit Kerker, Foltergeständnissen, und viele mit dem Scheiterhaufen39;
jedoch waren das die Methoden der Zeit: wer weiβ, wie die Templer mit ihren Gegnern
umgesprungen wären, wenn sie die Oberhand behalten hätten?

Christliche Zeit & Bibelfreaks
Wie sich die Menschen im Mittelalter fühlten und wie der damalige Zeitgeist wirklich gepulst hat,
bleibt uns Gegenwartsmenschen weitgehend verborgen; die Zeit, in der die Belsener Kapelle
vermutlich erbaut wurde, also wohl um 115040, war jedoch geprägt, besser durchdrungen von tiefer
Gläubigkeit, sowohl bei Adel und Klerus, als auch beim einfachen Volk (die auch heute übliche
Doppelmoral und einzelne Mächtige, die den Glauben für ihre Zwecke einspannten und
missbrauchten, einmal vorbehalten). Man fühlte sich zuerst als Christ, innerhalb einer gottgewollten
Ordnung41 und Hierarchie, worin jeder seinen fast unverrückbaren Platz hatte, und erst dann kam
auch das Standesbewusstsein zum Tragen, mit allen Rechten und Pflichten.
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Vor diesem Hintergrund muss man jede Symbolik dieser Zeit als zunächst im Glauben oder der Bibel
begründet sehen: gelesen wurde – mit wenigen Ausnahmen - auβer in den Schriften der
Kirchenväter vor allem in der Bibel. Daraus ergibt sich, dass Lesekundige jener Epoche, eben auch
Templer und andere gebildete Ordensleute, natürlich Kirche und Klerus generell, und umso mehr die
astronomisch Bewanderten dieser Zeit, worauf wir später noch zurückkommen werden, regelrechte
«Bibel-Freaks» waren. Auβer, man hatte Zugang zu Schrifttum aus anderen Kulturkreisen. Beides
träfe auf die Templer zu.
Dass die Templer Verbindungen zu allerlei Häretikern gepflegt hätten (wie Gnostikern, Manichäern,
Katharern usw.), dürfen wir dagegen getrost ins Reich der Fabel verweisen, weil das historisch nicht
gesichert ist - eher das Gegenteil! -, und keiner der Autoren, die solches behaupten, irgendeinen
belastbaren Beleg dafür anführt42.

Offene und verborgene (okkulte) Bedeutungen
Bei Geheimbünden wie Rosenkreuzern, Freimaurern, Hermetikern u.a ist es ja so, dass allem, was
sie taten, inszenierten oder auch bauten, neben einer äuβeren, profanen Bedeutung (offiziell) eine
verborgene, eine okkulte (inoffiziell) nachgesagt wird. Was sowohl die verwendete Symbolsprache
als auch die Aktivitäten angeht. Viele betrachten nun diese Geheimbünde als direkte Nachfolger der
Templer, was aber umstritten ist, weil dafür historische Belege fehlen43. Aufgrund ähnlicher
Symbolik und Eigenaussagen der Freimaurer kann man, um Spekulationen zu vermeiden, die
Templer aber durchaus als ideelle Vorgänger der Freimaurer und/oder Rosenkreuzer betrachten44.
Wenn durch tiefe Frömmigkeit geprägte Baumeister jener Epoche (siehe oben) etwas codiert hätten,
wäre das also wohl vorwiegend in biblischen Bildern und Symbolen geschehen; dass diese auch
eine andere, eine okkulte (verdeckte) Bedeutung gehabt haben könnten, hätte jedoch kaum mit
verborgenen (im weitesten Sinne «heidnischen» oder «ketzerischen») Kulten zu tun, sondern wäre
zum einen der Tatsache geschuldet, dass die Templer mit ihren Kontakten in den Nahen Osten viele
der dortigen (teils auch antike) Symbole, Lehren und Geschichten kannten, zum andern, dass gerade
sie als «Weitgereiste» vielleicht mit einer gewissen «Weltläufigkeit» brillieren wollten, wenigstens
vor anderen Gebildeten. Denn auch im Mittelalter, wo Demut und Bescheidenheit zwar im Ideal
hochgehalten wurden, darf man annehmen, dass der eine oder andere gelehrte Baumeister vor
Eitelkeit nicht gefeit war, und gerne gezeigt hat, «was man so alles drauf hat», gerade vor
Berufsgenossen, Mitbrüdern oder anderen Gebildeten.
In den späteren Prozessen ab 1307 wurde den Templern auch der Vorwurf gemacht, eine «Figura
Baphomet»45, eine Art Götzenbild, anzubeten (was eine Verballhornung von «Mohammed» sein
könnte). Ein weiterer dazu passender Vorwurf gegen sie lautete, mit den Muslimen gemeinsame
Sache zu machen (was teils ja auch stimmte: bei der fragilen Situation im Heiligen Land war oft
genug Diplomatie gefragt!), das Kreuz zu verleugnen etc. Andere wollen wissen, dass die Templer
auch altägyptische bzw. babylonische Symbolik verwendeten bzw. weitertradierten 46.
12
Es ist natürlich möglich, dass die Templer mit zunehmender Machtfülle abgehoben und pervertiert
sind, und so ihre ursprüngliche Mission verwässert oder vergessen haben. Aber das muss
Spekulation bleiben, da nicht beweisbar. Doch auf im weitesten Sinn «unchristliche Umtriebe»
werden wir weiter unten, vor allem aber in zweiten Artikel der Reihe, noch zurückkommen.
Also wäre eine verdeckte (okkulte/mehrschichtige) Bedeutung von Symbolen auch als
«Elitenwissen» zu verstehen, welches man im Rahmen einer mehrdeutigen Symbolik entsprechend
verpackt und angedeutet haben könnte. Und gut gehütetes «Elitenwissen» gab und gibt es durch alle
Zeitalter - ebenso teils fast mafiöse Zugangsbeschränkungen für geschlossene Gesellschaften aller
Art, bis heute.
Einen okkulten (also verdeckten) Inhalt von Bildern und Symbolen in Templerkirchen könnten wir
also eher dahingehend deuten, dass damit andere Mitglieder des Ordens bzw. Eingeweihte
angesprochen werden konnten. Das wäre auch mit der «Weitenwirkung» oder «Strahlkraft» solcher
Symbole möglich gewesen. Schon allein Erzählungen davon in der Umgebung (auch über eventuell
eigenwillige Riten?) hätten wie ein groβes Werbebanner für durchziehende «Eingeweihte» wirken
können, ganz im Sinne von «Na, auch Templer? Dann auf nach Belsen, hier findest Du andere
Brüder». Praktisch von Insider zu Insider; Straβenschilder, Zeitungen, TV oder gar Internet gab es ja
noch nicht…
Zudem war das Mittelalter noch immer eine «magische» Epoche, voll von Volks-, Geister- und
Aberglauben, mit entsprechender Symbolik; was in der Geschichtswissenschaft meist kaum
berücksichtigt wird47. Das galt für das einfache Volk ebenso wie für die Herrschenden, und natürlich
auch für die Templer als Kinder ihrer Zeit. Als probatestes Mittel, um Schätze zu finden und zu
heben, galt lange gar «Geisterbeschwörung»48. Und der Templer-Schatz ist einer der berühmtesten
der Welt! «Geisterbeschwörung» jedenfalls wurde den Templern, nebst «unchristlicher Umtriebe»49,
wohl bereits 1208 von Papst Innozenz III. vorgeworfen.
Und auch wenn das einfache Volk nicht lesen und schreiben konnte, hatte es dafür umso mehr
Verständnis für Bild- und Symbolsprache: jede Farbe hatte ihre Bedeutung, jedes Tier, jede Pflanze,
jede Jahreszeit und jeder Monat; einmal abgesehen von den zahlreichen Heiligenfesten, von denen
jeder wieder eigene Attribute hatte. Daher hat man auch beim Kirchenbau, und später bei ihrer
Ausstattung, an Bild- und Symbolsprache nicht gespart, je nach Patrozinium der Kirche, oder aus
teils anderen Gründen. Damit das leseunkundige Volk wenigstens gehaltvolle Bildergeschichten zum
Anschauen und zur Illustration der Predigten fand, eine Art «mittelalterlicher Comic».
Um wieviel mehr dann elitäre Mitglieder einer symbolaffinen «geschlossenen Gesellschaft»?
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Keine einheitliche Symbolik an Templerkirchen!
Entgegen populärer Annahmen hatten Templerkirchen keine einheitliche Symbolik50. Die meisten
waren eher schlicht, sogar klein und bescheiden gehalten. Wenngleich Templer mit ihrem
anwachsendem Vermögen einige groβe Kathedralen und Basiliken finanzierten, allein zur höheren
Ehre Gottes, oder auch für das eigene Seelenheil.
Was wir dagegen an Templerkirchen oft beobachten, sind universelle Symbole aller Art: Kreuze,
Rosetten, Oktogone… die man allerdings auch in anderen Kirchen findet.
Die «Uneinheitlichkeit» bzw. Vielfalt der Templerkirchen ist allerdings so augenfällig, dass man
diese schon fast wieder als ein (Alleinstellungs-)Merkmal von Templerkirchen ansehen kann

Belsener Kapelle, Ansicht von Südosten, Bild vom Autor 2007
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WER WAREN DIE ERBAUER DER KAPELLE?
Lange Zeit wurde die Bauherrschaft über die Belsener Kapelle Benediktinern aus dem Kloster
Hirsau zugeschrieben (woraus man denn auch entsprechende Deutungen der 2 Säulen, die den
Eingang flankieren, als «Petrus» und «Paulus» ableiten wollte51). Aus den betreffenden Urkunden
geht aber offenbar nicht eindeutig hervor, dass mit der darin genannten Kirche auch wirklich die in
Mössingen oder Belsen gemeint ist – um es kurz zu machen Daher müssen wir die Hirsau-
Benediktiner-Theorie wohl verwerfen 52.
Seit wann auf diesem Platz Vorgängerbauten bestanden haben, ist unsicher. Die ersten waren wohl
aus Holz, später durch Steinbauten ersetzt, deren Fundamente aus dem 10. Jh. noch unter der
Kirche zu besichtigen sind.
Der Mössinger Stefan Wintermantel hält eine Bauherrschaft der Benediktiner des Klosters Hirsau
ebenfalls für nicht belegbar und schreibt sie den damals grundherrlichen Zollern zu, also
regionalem Adel53: Wintermantel folgert: «Als Bauherr der Belsener Kapelle kann deshalb eher die
adlige Grundherrschaft angenommen werden. In Frage käme beispielsweise die Gräfin Udilhild,
Witwe des Grafen Friedrich I. von Zollern und Stammmutter der Hohenzollern, oder einer ihrer
Söhne. In späterer Zeit ist die Herrschaft der Zollern über Mössingen belegt.»
Bauherrschaft über Kirchen jener Zeit hatten neben dem regionalen Adel auch diverse Orden wie
beispielsweise Zisterzienser oder Benediktiner, aber ebenso Kreuzfahrer-Orden wie die für diese
Zeit infrage kommenden Johanniter, oder eben Templer. Die Deutschritter scheiden hier weitgehend
aus, da sie erst 1191 gegründet wurden, und baulich eher im Baltikum wirkten. Nachdem in fraglicher
Zeit – also Mitte des 12. Jh. – die Grafen von Zollern über das Steinlachtal, und somit auch über
Belsen herrschten54, ist anzunehmen, dass diese auch die Bauherren waren, oder einem Bau auf
ihrem Boden zumindest zustimmen mussten. Möglicherweise waren sie aber auch selbst bereits
Mitglieder bei den Templern oder den Johannitern, was gar nicht so abwegig und sogar
wahrscheinlich ist, wie ich später – im zweiten Artikel der Reihe - zeigen will.
Kleiner Teaser: das Wappen der Zollern ist in denselben Farben wie die Fahne der Templer gehalten (genannt
«Beaucéant», was auch ihr Schlachtruf war), die auch ihre Wappen zierte:

Bilder oben: links Templer mit Schilden auf Pferd, gemäβ ihrem offiziellen Siegel, rechts Templer beim Angriff, mit «Beaucéant», beide Bilder 13. Jh., public domain

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Bild: das Wappen der Zollern, aus Scheiblers Wappenbuch, um 1450 (gemeinfrei)
Das Wappen der Zollern sieht also fast so aus wie zwei «Beaucéants» neben- bzw. übereinander,
siehe im Bild oben links ;-) Wie im Wappen der Templer. Obwohl das alleine noch nicht viel aussagt.
Eine regionale Bauherrschaft (hier die Zollern) und eine zugleich templerische schlössen sich
jedenfalls nicht gegenseitig aus, und wären u.U. miteinander vereinbar.
Oder die Johanniter? Die Johanniter sind älter als die Templer, und existieren bis heute als
«Souveräner Malteserorden» weiter55, gar als völkerrechtlich souveränes Staatsgebilde, mit
eigenen Botschaftern, Autokennzeichen und allem Drumherum. Die Johanniter waren in der Region
nachweislich tätig: mehrere der von Ow – auch von Au genannt – zeitweise Herren von Öschingen,
Bodelshausen und Talheim 56 - waren Komture dieses Ordens, der in Rottweil eine mächtige
Kommende hatte. Einige der von Ow waren auch als Kreuzfahrer im Heiligen Land zugange, wieder
andere sogar in Johanniterkommenden in der heutigen Schweiz! Und auch die hier infrage
kommenden Zollern stellten mehrere Komture, gar einen Hochmeister des Johanniterordens:
Friedrich von Zollern (Prior) – Wikipedia, Im Deutschen Orden waren sie sogar schon vor der
Vernichtung der Templer 131457 (was zeigt, dass sie keine zu den Johannitern oder Deutschrittern
«geflüchteten» Templer waren). Die benachbarten von Jungingen stellten sogar 2 Deutschordens-
Hochmeister, wie z.B. den bekannten Ulrich von Jungingen, der in der berühmten Schlacht von
Tannenberg dem Orden seine gröβte militärische Niederlage bescherte. Weil diese 2 Orden in der
Region aber erst ca. 200 Jahre NACH dem Bau der Belsener Kapelle fassbar sind, lassen wir diese
mal auβen vor. Ebenso den ebenfalls aus der Kreuzfahrerzeit stammenden «Ritterorden vom
Heiligen Grab zu Jerusalem», weil dieser baulich nicht in Erscheinung getreten ist.
Daher, und auch weil lokale Sagen hier immer «Templer» am Werk sahen, werden wir uns bei der
Betrachtung unserer Belsener Kapelle (vorerst) weiter auf die Templer beschränken. Und im Zuge
dessen auch auf erstaunlich reichhaltige Salomonische Symbolik stoβen (ab S. 31).
16
UND WIESO «OKKULTE SYMBOLE»?
Wenn wir den auf S. 8-14 beschriebenen Ausführungen über die Templer folgen, lässt sich eine
mehrdeutige, eigentlich verborgene (okkulte) Symbolik an Templerkirchen zwar nicht zuverlässig
mit irgendwelchen dubiosen Kulten verbinden. Und in den Templern einen «Geheimbund» zu sehen
(siehe vorne), ist wohl eher eine haltlose Übertreibung aus späteren Zeiten, was vielleicht mit ihrer
Macht und Gröβe, und sicher auch mit dem nie gefundenen «Templerschatz» (mobile Güter) zu tun
hat.
Nachdem wir an der Kapelle aber aussagekräftige Symbole (zudem Vorrichtungen wie das
«Sonnenloch» oder die «Lichtscharten») vorfinden, die offenbar nicht nur in christlichem Kontext
stehen, dürfen wir hier durchaus einen tieferen bzw. mehrdeutigen Symbolgehalt annehmen, zumal
die – meist leseunkundigen, dafür bildaffinen - Zeitgenossen damals Bilder und Symbole ganz
generell noch viel besser zu deuten und einzuordnen wussten.
Hier also mögliche Absichten/Motivationen für okkulte Symbole und Vorrichtungen:
- die Verschmelzung von christlichen und anderen antiken, nahöstlichen Symbolen
könnte zunächst eine Art Spielerei mit «holografischen» (vielschichtigen) Bildern sein,
welche zugleich deutbar wären als
- Elitenwissen bzw. interne Erkennungssymbole wie beispielsweise aus der Astronomie/Astrologie
(was damals eins war) und Parallelen in antiken Kulten wie jenen um Orion, Mithras, Horus, Tammuz
usw., von denen ja auch in der Bibel die Rede ist, vor allem im Alten Testament. Die Templer waren
sehr exklusiv und elitär, und hatten ganz sicher (wie ja auch heutige Banken und Firmen)
entsprechende «Geschäftsgeheimnisse». Und beständigen Kontakt in den Nahen Osten.
- die eigenwilligen Symbole der Kapelle wären somit – gerade zusammen mit dem
berühmten «Sonnenloch» und den «Lichtscharten» an der Süd- und Ostseite –
mittelalterlichen «Werbebannern» vergleichbar, die eine teils überregionale Strahlkraft
und Weitenwirkung entfaltet hätten. Welche andere Gebildete oder «Insider» wohl zu deuten
wussten. Internet, TV, Zeitungen, oder einfach Straβenschilder gab es ja noch nicht.
- schlichte Eitelkeit der Erbauer: Mitbrüdern und anderen Gebildeten «zeigen, was man alles so
drauf hat», inclusive einer gewissen «Weltläufigkeit», die damals ja nicht jedem beschieden war, vor
allem nicht einfachen «schollengebundenen» Bauern, die als «Leibeigene» ihre Grundherren (bzw.
deren örtliche Vögte) vor jedem Verlassen der Ortsgrenze um Erlaubnis ansuchen mussten. Einmal
abgesehen von Kreuzzügen oder Pilgerfahrten, welche aber so gefährlich waren, dass man zuvor in
aller Regel schon mal sein Testament machte!
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Bild links: Westgiebel der Belsener Kapelle, Foto vom Autor 2007

Bild rechts: Hinteransicht des Gebäudes, wikipedia commons, von «Historiograf» 2006
KELTISCHE UND GERMANISCHE SYMBOLE?
Die populäre Annahme, dass im bekannten Westgiebel der Belsener Kapelle germanische oder
keltische Symbole verbaut wären, halte ich für weit hergeholt, einfach weil
a) zur Zeit des vermutlichen Kapellenbaus – also um 1150 - die Christianisierung der Region schon
lange abgeschlossen war - zumal spätestens mit Beginn der Herrschaft der fränkischen
Merowinger im 7./8. Jh. Was nicht in Abrede stellen soll, dass viele heidnische Rituale und Festtage
nun eben unter christlichem Deckmantel – ein gelungener PR-Trick der frühen Missionare – auch
hier weitergetragen wurden (hinreichend bekannt ist, dass Weihnachten und Ostern, und auch viele
Heiligentage auf alten vorchristlichen Festtagen liegen, zahlreiche Kirchen auf alten Kultplätzen
erbaut wurden, möglicherweise auch unsere Belsener Kapelle, usw. usf.). Dass das niedere Volk alte
Riten und Festtage noch eine Zeit lang bewusst in alter Form weitergetragen haben mag (obgleich
nun christianisiert), ist zwar naheliegend; aber die Oberschicht war (in den Anfängen teils auch aus
Macht- und Opportunitätsgründen) schon damals, also im 12. Jh., seit mindestens 400 Jahren
christlich , und ganz besonders Mitglieder der Kirche oder der Ritterorden als mögliche Bauträger
der Kapelle. Und
b) bevor das Christentum kam, waren noch lange die Römer in der Region, welche die keltisch-
germanischen Kulte schon damals weitgehend abgelöst bzw. überlagert haben: die sogenannte
«gallorömische» Epoche, welche bereits erste Formen von «Mischgöttern» stellte. Die Römer
brachten auch den ebenfalls sehr verbreiteten Mithraskult mit, eine persische Lichtreligion, die vor
allem bei Legionären sehr beliebt war, und lange die gröβte Konkurrenz zum Christentum darstellte
– weswegen der Geburtstag des Heilands von der Kirche auch schon früh auf den 25. Dezember als
18
vormaligen Mithras-Tag gelegt wurde (Stichwort «PR-Trick» der Missionare), der aber zugleich als
Geburtstag des ägyptischen Horus galt, ebenfalls ein angeblich «göttliches Kind». Weiter waren da
noch der römische «Sol invictus» (ebenfalls 25. 12.), der sogenannte «Unbesiegbare Sonnengott»
(aus teils griechischen und ägyptischen Einflüssen), und auch die sehr populären Isis- und Osiris-
und auch Eleusis-Mysterien etc. Dazu noch der obligatorische Kaiserkult, und und und…
Genug Einflüsse also, die schon Jahrhunderte vor dem Bau der heutigen Kapelle das keltisch-
germanische Erbe in der Region mehr als «verwischt» hatten. Man könnte auch sagen, dass die
keltisch-germanischen Religionen im 12. Jh. wohl schon lange nicht mehr bekannt waren oder
bewusst gelebt wurden. Abgesehen natürlich von den Namen unserer Wochentage, die infolge eines
weiteren «PR-Tricks» der frühen Missionare ebenfalls germanische Bezeichnungen behalten hatten,
zumindest Montag bis Freitag, während in Samstag (Saturn) und Sonntag (Sol invictus) noch das
Römische Erbe nachklingt (welches wir ja auch in unseren Monatsnamen finden).
Was den meisten Leuten damals (wie auch heute) wohl kaum bewusst oder bekannt war, und wohl
einfach als gegeben angesehen und weitertradiert wurde.
Auβer in Irland, wo die Römer wohl nie waren, und wo keltische Ikonografie in christianisierter Form
weiterlebte («Book of Kells» etc.), sind keltische oder germanische Symbole in Bauten um jene Zeit
schon deshalb unwahrscheinlich, weil ein plötzliches Wiedereinsetzen ein bezugloses
«Überspringen» der ganzen römischen Periode wie auch der Völkerwanderungszeit und der daran
anschlieβenden Merowinger- und Karolingerzeit (ab dem 6. Jh.) bedeutet hätte, also von fast 1000
Jahren! Falls da überhaupt noch eine Erinnerung war…
Wir hätten somit keine durchgehende Kontinuität!
Wenn wir also im weitesten Sinn heidnische Elemente in der Belsener Kapelle erkennen wollen,
zumal okkulte (also mit doppelsinniger oder vielschichtiger Bedeutung), dann vermutlich am
ehesten solche, die von den zeitgenössischen Kreuzrittern aus Ägypten, Syrien und dem Heiligen
Land mitgebracht wurden 58. Und von diesen nahöstlichen Stilblüten finden wir später gleich einen
ganzen bunten Strauβ So auch in und um die Belsener Kapelle.
19

Detail des Westgiebels der Kapelle, mit den Symbolen im oberen Teil, Foto vom Autor 2007
DIE RELIEFS AUF DEM WESTGIEBEL
Christliche Baumeister um 1150 hätten also üblicherweise christliche Symbolik verwendet.
Als Jugendlicher hatte ich die Figuren oberhalb des Tympanons immer als klassische Stallszene der
Weihnachtsgeschichte gedeutet: eben das Christkind, umgeben von Ochs (und Esel?), und ein paar
Zicklein… was jedoch die auffälligen Halbsäulen und die Tympani am Eingang und auf der Südseite
darstellen sollten, erschloss sich mir damals nicht, ebenso wenig die Funktion des berühmten
«Sonnenlochs» an der Südostecke der Kirche.
Doch wenn wir von offener und von okkulter, also verdeckter (d.h. mehrdeutiger) Symbolik
sprechen, und wir weiter hypothetisch annehmen, (zollerische?) Ordensritter hätten diese Kapelle
um 1150 erbaut, wird die Sache schon weitaus plastischer, auch im bildlichen Sinn
Wenn wir zudem den in Meyers Buch «Archäologische Geheimnisse» (siehe Anm 1) vorgestellten
astronomischen Deutungen Oswald Kubienas der Giebelbilder folgen, diese also wie «gemeiβelte
Sternzeichen» betrachten wollen, und das berühmte «Sonnenloch» und die «Lichtscharten» in der
Südwand hier mit einbeziehen, entpuppt sich ein wahrer Reigen von dazu passenden Assoziationen.
Kubiena also deutet die menschliche Figur mit den eingewinkelten Füβen, von den Einheimischen
seit jeher der «groβe Bel» genannt, als Sternbild Orion, die daneben als den astronomischen Stier
bzw. Groβer und Kleiner Hund. Darüber zeige der Giebel auch die am Himmel verstirnten Ziegen.
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AUFSCHLÜSSELUNG DER SYMBOLE
Die Symbole und Vorrichtungen der Belsener Kapelle könnten neben christlichem Kontext also auch
andere Bedeutungen aufweisen. Im folgenden Kapitel wollen wir nun deren möglicherweise
vielschichtigen (mithin «okkulten») Bedeutungsgehalt näher beleuchten.
1) ASTRONOMIE & MYTHOLOGIE
Orion (der «Groβe Bel»)
Der griechische Orion steht auch für den altägyptischen Osiris, und beide für den
«groβen Jäger»59. Das bringt uns wieder zurück zur Bibel: in der Geschichte vom Turmbau zu Babel
(Babylon) ist die Rede von Nimrod, König von Babylon - er war erste überlieferte König der Bibel:
denn Nimrod «fing an, ein gewaltiger Herr auf Erden zu sein» (1. Mose 10, 8 und 1. Chronik 1, 10).
Er gilt denn auch als «Prototyp des Königs und Tyrannen»60, zudem als ein «groβer Jäger vor dem
Herrn»61 (1. Mose 10,9). Mit anderen Worten: Orion und Osiris hatten noch ältere Vorbilder, eben
schon in den Reichen von Sumer und Babylon, die auch für unsere heutige Astronomie/Astrologie
grundlegend waren. Wir lesen den Sternenhimmel, die dortigen Sternbilder und Tierkreiszeichen
(und einige ihre jeweiligen «Horoskope», auch hier blinzelt uns der altägyptische «Horus»
entgegen), noch immer nach sumerisch-babylonischen Namen, benützen ihre Sternhäuser, ihren
Monatskreis etc.
Nimrod (Osiris/Orion) ist zugleich Vaterfigur einer früheren «göttlichen Dreifaltigkeit»: Nimrod-
Ishtar/Semiramis-Tammuz.
Fun Fact: Ishtar/Astarte sei nebenbei auch namensgebend für unser Osterfest (siehe «PR der
frühchristlichen Missionare»): die germanische Göttin Eostre bzw. Ostara hätte ihren Namen von
ebendieser Astarte/Ishtar bezogen, der Frau Nimrods (alias Osiris)62. Und schon im alten Ägypten
sei ein vergleichbares Frühlingsfest mit Eiern als Fruchtbarkeitssymbolen gefeiert worden63.
Vielleicht hätten ja die Römer uns solche persischen oder ägyptischen Bräuche mitgebracht
(Stichwort Mithras, Isis etc.)? Schwer zu sagen… Und nebenbei: die populäre Behauptung, dass
Jesus Christus nur ein Abziehbild, eine Art «Best of» antiker heidnischer Vorgänger sei (wie eben
Horus, Mithras, Dionysos, Tammuz etc.), ist kaum zu belegen: zum einen wurde vieles den
vorchristlichen «Gottessöhnen» erst später angedichtet, zum andern weist Jesus ganz andere
Attribute auf, die den anderen «Gottessöhnen» diametral entgegengesetzt sind. Man könnte sogar
meinen, Jesus hätte sich von diesen bewusst scharf abgegrenzt!64
Von Ishtars Sohn Tammuz, jedenfalls, einem babylonischen Pseudo-Messias, wird auch mehrfach in
der Bibel gesprochen (Hesekiel 8, 14 und Jeremia 39,2): «Und siehe, dort saβen und beweinten
21
Frauen den Tammuz»; gemeint waren abtrünnige Hebräerinnen, dies sogar am Nordtor des Tempels
(Hes 8, 14), was Gott aber ein Gräuel war (Hes 8, 15).
Nimrod steht mit Babylon auch für den Turmbau zu Babel (Babylon), wo u.a. Baal angebetet wurde.
Da haben wir ihn also wieder, unseren Baal. Der Turmbau zu Babel war der Versuch der Menschen,
sich Gott gleich zu machen, mithin eine Metapher für menschlichen Hochmut und Stolz.
Heute würden wir das vielleicht «Machbarkeitswahn» nennen ;-) So bedeute wohl auch Nimrods
Der Hl. Martin
Der Turmbau zu Babel rückt auch den Hl. Martin ins Sichtfeld- er war Bischof von Tours
(Tours = Turm!)66 und lebte im 4. Jh. Obwohl die Belsener Kapelle ein anderes Patroziniat hat (siehe
dann auf S. 46 ff.). Der Hl. Martin ist der Schutzpatron Frankreichs (Gründerland der Templer) und
gilt, neben dem Hl. Mauritius (in Ofterdingen, mehr zu ihm im 2. Artikel) als Schutzpatron der
Soldaten, also auch als «Kriegsheiliger». Beide Heilige waren für die kämpfenden Ritterorden sehr
wichtig, und wurden hoch verehrt67. Jürgen Meyer hat in unserer Region einige Martinskirchen
ausgemacht, die entlang des römischen «Alblimes» lagen68, u.a. auch die Martinskirche in
Öschingen, wo ja angeblich auch «Templer gewohnt» hätten. Auch der Hl. Martin der Kirche in
Öschingen (mit «Haus Tempel») würde also in diese Reihe passen; jene Kirche lag entlang eines
alten «Heerwegs» durch Mössingen und Öschingen (auf alten Karten), der auf die Alb führte.
Der Name Martin wiederum ist, wenn wir den schlüssigen und sehr detaillierten Ausführungen von
Dr. Werner Papke69 glauben wollen , wiederum nichts anderes als eine umgedeutete Form von
Nimrod!
Der Stier
Eine besondere Verehrung von Stieren fand im Europa des 12. Jahrhunderts nicht statt. Wenn aber
ein Stier neben einem Orion/Osiris/Nimrod abgebildet ist, hätten wir es mit antiker Mythologie zu
tun, die sich schon seit den alten Sumerern und Babyloniern – also ab ca. 3000 v. Chr. auch in
Sternbildern finden lässt, die wir noch heute benützen.
Als Sternbild steht der Stier am Himmel über dem Orion, ganz wie auch am Giebel der Kapelle.
Ein Bezug zum persisch-römischen Mithraskult, der vor allem bei Legionssoldaten beliebt und lange
der gröβte Rivale des Christentums war, lässt sich hier zwar kaum herstellen. Auβer über die
Pleyaden, die ebenfalls in der Belsener Kapelle, nämlich im Tympanon, abgebildet sein könnten,
siehe dazu weiter unten.
Die Alten Ägypter haben im Stier aber auch eine Verkörperung des Osiris gesehen70, und mit ihren
Stieropfern denn auch Osiris selbst beklagt71.
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Im Sternbild des Stieres finden sich auch die Pleyaden, ein in allen Kulturen und Epochen wichtiges
Sternbild, u.a. als Kalendergestirn…
Sind im Tympanon über der Eingangstüre die Plejaden abgebildet?
Die 7 Sonnen auf der linken Seite des Kreuzes im Tympanon könnten zwar für die 7 damals
bekannten Planeten stehen, wie Jürgen Meyer anmerkt72; aber ebenso für das Siebengestirn der
Plejaden73, welches schon seit der Bronzezeit in Riten und Kultus der Menschen eine groβe Rolle
spielte (z.B. auf der bekannten «Himmelsscheibe von Nebra», wie auch auf Rollsiegeln der alten
Babylonier und Assyrer, bis hin zu den Azteken, Prärie-Indianern und Aborigenes74).
Die Plejaden befinden sich am Himmel inmitten des Sternbildes Stier. Und genau dort wäre es
gewesen, wo im antiken Sternenhimmel der «Göttersohn» Mithras dem Stier den Dolch in den Hals
gestoβen hätte!
In der griechischen Mythologie sind sie die 7 Schwestern, Töchter des Titanen Atlas, die, weil Orion
ihnen nachstellt, von Zeus in Tauben verwandelt und an den Himmel versetzt wurden, wo Orion sie
noch heute jagt.
Die Plejaden hatten im Altertum auf der ganzen Welt aber auch ganz praktische Bedeutung:
jedermann konnte mit ihrer Hilfe ohne viel astronomisches Wissen den Zeitpunkt von Saat und Ernte
bestimmen. So hielt der griechische Dichter Hesiod um 700 v. Chr. fest: „Wenn das Gestirn der
Plejaden aufsteigt, dann fang an mit dem Mähen, und pflüge, wenn sie versinken“75
Die Pleyaden hatten in der Antike auch immer einen Bezug zur Zahl 40 (weil sie für 40 Tage nicht zu
sehen sind; siehe auch weiter unten bei «Lichtscharten»), was im christlichen Kontext für Jesu 40-
tägiges Fasten in der Wüste (und das parallele 40-tägige Fasten vor Ostern), und im
alttestamentlichen Kontext für die 40 Jahre steht, die das Volk Israel mit Mose durch die Wüste zog,
ebenso für die 40 Tage, die Moses auf dem Berg Sinai verweilte 76.
Ebenso war König Salomo (wie schon sein Vater David) 40 Jahre an der Macht!
Und König Salomo wurde ja auch immer wieder nachgesagt, dass er nicht nur der «Zauberei»77,
sondern auch der Sternenkunde 78 frönte! Und die Erbauer der Belsener Kapelle wohl auch ;-)
Im Alten Ägypten standen die Plejaden ebenfalls für Osiris bzw. wurden mit diesem verbunden79.
Zudem sah man damals im 40-tägigen Verschwinden der Pleyaden vom (sichtbaren) Sternhimmel
eine Zeit des Fernbleibens von Osiris, für welche auch schon Fasten vorgeschrieben war80.
In der Bibel werden die Pleyaden dreimal erwähnt81. Auch im Alten Griechenland und Ägypten
wusste man, dass die Pleyaden für 40 Tage nicht zu sehen sind, weil von der Sonne überstrahlt. Und
hat das auch gleich mythologisch «verwurstet».
Dass gerade am 24. Juni, dem Festtag des Hl. Johannes des Täufers (den wir auf der rechten Seite
des Kreuzes codiert finden könnten – mehr dazu auf S. 25 + 37), die Plejaden auf der linken Seite
des Kreuzes wieder auftauchen82, spräche einerseits für deren Codierung auf der linken Seite des
Türkreuzes, andererseits wäre das wieder ein starkes Indiz für eine Bauherrschaft der Templer,
wird ihnen doch eine besondere Verehrung des Täufers nachgesagt. Er war aber auch Schutzpatron
der Johanniter, welche aber in der Region erst ca. 200 nach dem Bau der Belsener Kirche
23
auftauchten, siehe vorne. Jedenfalls ist unsere Belsener Kapelle dem Johannes geweiht (sei es nun
dem Täufer oder dem Evangelisten, beide wurden am 24. Juni gefeiert). Schon die Verbindung der
Pleyaden mit dem Festtag des Hl. Johannes des Täufers (der ja in Wasser taufte, wo die Täuflinge
dann ebenfalls wieder «auftauchten»), ist augenfällig.
Also würden im Firmament des Tympanons die Plejaden (links) zunächst für 40 Tage verschwinden,
bevor sie zum Festtag des Hl. Johannes am 24. Juni (rechts) wieder auftauchen!
Auch im Alten Testament kommen der Orion und die Plejaden nicht zu kurz: Das wissenschaftliche
Bibellexikon im Internet :: bibelwissenschaft.de
Oder zeigt derselbe Tympanon den Sirius?
In Altägypten, vor allem in Heliopolis («Sonnenstadt») wurde Horus/Sirius als das «göttliche Kind»
oft mit einem Kreuz(!) auf einem Obelisken dargestellt83. Dieser Obelisk könnte hier durch den
ganzen Eingangsbereich symbolisiert sein, den das Kreuz (wessen auch immer) dann krönt…
Der Sirius wiederum steht aber auch für Isis, Horus’ Mutter. Und Osiris als «Vaterfigur» hätten wir ja
dann im «Groβen Bel» darüber fixiert.
Sirius und Orion etc. sind gem. Oswald Kubiena ja auch gerade um Weihnachten (Geburtstermin
auch des Horus und des Mithras) durch die Lichtscharten in der südlichen Wand zu erspähen,
vermutlich zur Geburtstags-Bestimmung (25. Dezember). Der Grund, warum gerade am 25.
Dezember Weihnachten gefeiert wurde, war AUCH, weil Julius Cäsar die Frühlings-Tag-und-
Nachtgleiche («Äquinoktium») auf den 25. März gelegt hatte (Geburt nach 9 Monaten
Schwangerschaft), dazu dann unten mehr, bei «Sonnenloch».
Das wusste aber auch die vorher schon erwähnte «frühchristliche PR» zu nutzen, weswegen der
Geburtstag des Heilands praktischerweise gleich auf den 25. Dezember gelegt wurde.
Holografische Darstellungen?
Sirius? Die Plejaden? Eine 7-er und 12-er Symbolik? Oder sind es zur Rechten des Kreuzes im
Tympaono 13 «Halbmonde»? Was wieder für eine 7-er und 13-erSymbolik spräche. Möglicherweise
müssen wir den Tympanon (wie auch die Figuren im Giebel) als vielschichtige, als «holografische»
Darstellungen verstehen, also gilt vielleicht auch alles miteinander.
Mit anderen Worten: Oswald Kubiena (siehe S. 4) bemerkt, dass man den vielschichtigen Symbolen
der Kapelle mit «integralem Schauen» begegnen sollte, was ja auf dasselbe hinausläuft
24

Der Groβe und der Kleine Hund
Einerseits hätten wir die Sternzeichen des Groβen und des Kleinen Hundes, und ganz wie am
Sternenhimmel links neben dem Orion. Der Hund steht aber auch für Sirius , genauer: Sirius ist ein
Teil des Sternbilds. Er wird darum auch seit jeher «Hundsstern» genannt. Sein Aufgang am Horizont
markierte im Altertum die heiβesten Tage des Jahres, weshalb wir ja noch heute von dieser Periode
als den «Hundstagen» reden 84.
Hunde gelten auch als Templersymbol, prangt doch auf vielen Grabmälern von bestatteten
Tempelrittern ein Hund zu ihren Füβen. Manche sehen darin eine Bezugnahme auf Sirius85, mithin
Isis und Horus.
25
Okkultisten nannten den Sirius (eigentlich ein Doppelstern) auch „Sonne hinter der Sonne“86, noch
deutlicher hier:
„Zu behaupten, dass Sirius für die Hermetischen Orden „wichtig“ sei, wäre eine grobe Untertreibung.
Der Hundsstern ist nicht weniger als der Mittelpunkt der Lehren und der Symbolik der Geheimgesellschaften.
Der ultimative Beweis für diese Tatsache: viele Geheimgesellschaften sind eigentlich nach dem Stern
benannt.“
(Quelle: vigilantcitizen.com, von 2012)
Im folgenden Filmbeitrag von Roel Oostra wird die «Mythos Osiris-Theorie» des Autors und
Bauingenieurs Robert Bauval vorgestellt, wo dieser auch näher auf die zentrale Bedeutung des
Sirius für die Alten Ägypter eingeht. Der Sirius stand nicht nur für Horus (siehe S. 24), sondern auch
für dessen Mutter Isis87. Der Mythos Osiris - Pyramiden Mystery Doku Deutsch - YouTube
Wir hätten – neben Osiris/Orion im «Groβen Bel» - mit Sirius und Isis im «Kleinen Bel» also die
gesamte göttliche Dreieinigkeit der Ägypter abgebildet. Wobei wir den Mythos von den Templern als
«Geheimgesellschaft» vorher zwar schon etwas geradegerückt haben Nichtsdestotrotz finden
wir an der Belsener Kapelle mehrfach deutbare (okkulte) Symbole, mutmaβlich von Templern. Aber
wohl aus anderer als «geheimbündlerischer» Absicht, siehe dazu «Absicht von okkulten Symbolen»
auf S. 17.
Der persisch-römische Mithras (alias Horus-Sirius-Tammuz) hatte – so nebenbei - als Begleiter
ebenfalls immer einen Hund, und wurde entsprechend dargestellt.

Bild: Mithras-Statue, ca. 100-200 n. Chr., heute im Louvre Paris, aus wikipedia commons, «Serge Ottaviani» 2013,
rechts unten der begleitende Hund
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Über den «Sternzeichen-Figuren» am Giebel selbst prangt aber noch ein groβes Kreuz (wohl um
dessen Dominanz zu demonstrieren), während darunter, über dem Tympanon des Eingangs, eine
kleine Figur, der sogenannte «Kleine Bel» zu sehen ist. Er krönt sozusagen den Tympanon, der
ebenfalls mittig ein groβes Kreuz enthält.
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Bild oben: der «Kleine Bel» über dem Eingangstympanon 2007

Bild unten: Detail derselben Figur von 2023; Fotos vom Autor
Dieses Kreuz, welches das Firmament stützt, könnte parallel zum christlichen Kreuz auch für
Sirius/Horus stehen, denn mit einem Kreuz auf einer Säule (genauer: einem Obelisken) wurde er
auch in Altägypten dargestellt, wie auf S. 24 beschrieben! So wäre der ganze Türbereich ein
bildhafter Obelisk, welcher durch das Kreuz à la Sirius gekrönt würde. Denn schon vor dem Beginn
des Christentums war das Kreuz früh ein universelles Symbol. Und das christliche Kreuz an dieser
Stelle könnte einmal mehr eine gewisse Doppelbödigkeit unterstreichen…
28
