Endstation unvergesslich by art.TM - HTML preview

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Student

Im tiefsten sibirischen Winter erklang ein alles übertönendes Knattern der Panzerketten, die Salven der Maschinengewehre und das Dröhnen der Kampfhubschrauber.

Inmitten dieses auf die zwei simplen Fakten: Leben oder Tod, reduzierten Umfelds, am Waldesrand, hinter einem Erdhügel, das Gewehr im Anschlag und das Ziel im Visier - Viktor Kalinsky, ein Soldat der russischen Armee.

Sein erstes und einziges Manöver, kurz nach seinem Grundwehrdienst als Wachsoldat des ABC-Waffenlagers in Prawdinsk, wird ihm unvergesslich bleiben.

Das Manövergebiet lag in der Nähe von Tomsk am Ob. Seine Kompanie musste eine Brücke errichten.

Er war dazu eingeteilt, die Umgebung zu sichern.

Die Bedingungen forderten das Äußerste von allen.

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Inmitten dieses Kampflärmes tönte die eiserne Stimme seines Unteroffiziers, der die Soldaten immer wieder anfeuerte:

»Nicht einschlafen! Wenn ich hier nur einen herumstehen sehe, dann macht derjenige heute die Nachtwache!«

Viktor hörte wie ein Kamerad seinen Frust abreagierte:

»Der soll lieber seinen Mund nicht so groß aufreißen, sonst gefriert ihm noch die Zunge fest.«

Die während der Militärzeit geforderte Disziplin und das benötigte Durchhaltevermögen werden ihn immer begleiten. Aber wer ist eigentlich dieser Soldat mit dem schwarzen Haar und den blauen Augen?

Viktor stammt aus Moskau, ist etwa 180 cm groß und schlank. Ein gut aussehender Typ von Mann, der mit seiner Ausstrahlung alle Frauen bezirzt.

Sein Gang, wie auch seine sonstige Beweglichkeit, wirken immer elegant und graziös.

Sein Vater, Igor Kalinsky, ist ein hochrangiger Offizier in der russischen Armee und hat als militärischer Berater viel im Ausland zu tun. Als sein Sprössling den zwölften Geburtstag feierte, überreichte er ihm ein Flugticket mit den Worten:

»Ich werde dich auf eine Reise mitnehmen. Wenn du Ferien hast, fliegen wir für 2 Wochen nach Kuba.«

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Viktor schloss die Augen und jubilierte voller Freude über dieses traumhafte Globetrotter Vergnügen:

»Das ist ja phänomenal. Ein schöneres Geschenk kann ich mir nicht vorstellen.«

Denn noch nie zuvor hat er Russland verlassen.

Sie verbrachten ihren Familienurlaub bisher immer innerhalb der russischen Grenze.

Ursprünglich wollte Viktor eine Offizierslaufbahn im Militär einschlagen. Jedoch hat ihn ein Fremder auf die Idee gebracht, ein Studium im Ausland aufzunehmen.

Es begann in der Disco, als er und sein bester Schulfreund Iwan eines Abends einen Studenten aus Berlin kennenlernten. Der stand an der Bar, drehte sich zu ihnen und säuselte in bester Laune:

»Hallo, ich bin Peter. Schön euch kennenzulernen.

Könnt ihr mir weiterhelfen, ich bin momentan in der Bedollulie und suche für die nächsten beiden Tage eine günstige Schlafstätte. Bisher habe ich bei meinem Freund Wladimir übernachtet.« Dabei zeigte er auf den jungen Mann neben ihm.

»Das geht jetzt aber nicht mehr, weil seine Freundin wieder zurück ist.«

Die Rettung kam mit Viktor, der ihm aus der Patsche half:

»Ungefähr 10 Minuten von hier ist eine gute Jugendherberge. Ein Freund von mir arbeitet dort gelegentlich an der Rezeption.«

Peter gab zu bedenken:

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»Ich bin Student und habe nicht viel Geld.«

Das weckte Viktors russische Seele der Kameradschaft. Der Fremde war ihm sympathisch, spontan reagierte er gastfreundschaftlich:

«Wenn du willst, kannst du bei uns Zuhause im Gästezimmer übernachten. Das kostet gar nichts.

Meine Eltern sind für ein paar Tage verreist.«

Der Fremde strahlte über das ganze Gesicht, klopfte seinem Gastgeber auf die Schulter und revanchierte:

»Das ist ja prima. Komm, ich lade dich zu einem Cocktail ein.«

Der spendable Kavalier bestellte zwei Bermuda Cocktails und fuhr fort: »Was machst du beruflich?«

Viktor

fühlte

sich

geehrt

und

erklärte

auskunftsfreudig:

»Ich leiste gerade meinen Militärdienst ab. Diese Woche habe ich Urlaub. In ein paar Wochen werde ich wieder entlassen. Danach werde ich ein Studium aufnehmen.«

»Willst du in Russland oder im Ausland studieren?

Das

Auslandsstudium

ist

eine

größere

Herausforderung. Wenn ich es mir leisten könnte, dann wäre ich am liebsten Student in den USA.«

Russlands Held an der Waffe überlegte laut:

»Ich werde meinen Vater fragen, ob es möglich ist, dass ich im Westen studiere. Er hat gute Beziehungen und kann mir ein Studentenvisum beschaffen.«

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Peter kam etwas näher an ihn heran und flüsterte:

»Ich

bin

Sprecher

einer

studentischen

Dissidentenbewegung,

mit

dem

Ziel,

die

Regierung zu stürzen und ein sozialistisches System zu installieren. Mein Freund, der hier neben mir steht, ist Sprecher einer gleichen studentischen Bewegung in Moskau. Aber bitte erzähle niemandem davon. Die Zahl unserer Sympathisanten wächst täglich. Wir sind nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt.«

Immer diese Revolutionäre, hört es denn nie auf.

In Deutschland eine sozialistische Revolution, das ist doch unvorstellbar. Wenn es so weit ist, dann wird mit Sicherheit scharf geschossen. Das ist nichts für Angsthasen.

Viktor starrte ihn an und meinte verschmitzt:

»Mein Vater ist Offizier in der russischen Armee.

Ist es dein Ernst, dass du ihm mit einer Waffe gegenübertreten möchtest? Habt ihr keine Angst, dass euch der Geheimdienst auf die Schliche kommt?«

Der dabei etwas blass gewordene Peter stammelte:

»Nein, wir sind Pazifisten und führen ein geheimes Dasein. Die Dilettanten erwischen uns nie.«

Er erhob sein Glas und prostete Viktor zu. Weil es schon spät geworden war, machte Viktor den Vorschlag, die Zelte abzubrechen. Sie verließen 14

die Disko und gingen zur nächsten Bushaltestelle.

Viktor und Peter warteten auf die Buslinie 32, sowie Wladimir und Iwan auf die 25. Als die 32

ankam, verabschiedeten sie sich von den anderen und stiegen ein.

Nachdem sie Zuhause angekommen waren, zeigte Viktor Peter das Bad und die Toilette sowie das Gästezimmer, in dem er schlafen konnte. Sie setzten sich noch für ein Weilchen ins Wohnzimmer, unterhielten sich und tranken dazu ein Bier. Zu später Stunde standen sie auf, wünschten sich gegenseitig eine gute Nacht und gingen schlafen. Als morgens um 8 Uhr der Wecker klingelte, öffnete Viktor mühsam die Augen. Er stöhnte ein wenig und dachte: schon wieder Zeit zum Aufstehen. Natürlich beginnt auch der Tag bei ihm, wie bei allen Genussfreudigen mit dem Kaffee kochen. Der Revoluzzer aus Berlin wollte früh aufbrechen,

um

seine

Stadtbesichtigung

fortzusetzen. Viktor lief zum Gästezimmer, klopfte an die Tür und rief:

»Aufwachen! Es ist schon 8 Uhr.«

Es meldete sich eine etwas träge Stimme:

»Uah, danke. Guten Morgen.«

»Nimm dir doch einen Kaffee, ich komme in 5

Minuten.«

Mit müden Beinen torkelte er ins Badezimmer für eine abwechselnd heiße und kalte Dusche, die Tote zum Leben erweckt hatte. Frisch gestärkt ging Viktor in die Küche und sah Peter Schlaftrunken 15

am Tisch sitzen. Er reichte ihm die Hand und grüßte mit:

»Guten Morgen Peter. Hast du gut geschlafen?«

»Ja, ich habe sehr gut geschlafen.«

»Willst du ein Brötchen zu deinem Kaffee? Die sind zwar nicht mehr frisch, schmecken aber noch ganz gut.«

»Ja, gerne. Das ist ganz wie Zuhause.«

»Hast du dir schon überlegt, was du heute alles besichtigen willst?«

»Ich werde zum Gorki-Park und zum Roten Platz beim Kreml fahren. Weißt du, welche Buslinie dorthin fährt?«

»Die Linie 95 fährt alle 20 Minuten zum Roten Platz, auf russisch Krasnaja ploschtschad. Die Fahrt dauert ungefähr 15 Minuten. Das Lenin-Mausoleum am Senats Turm und die Basilius-Kathedrale am Roten Platz musst du unbedingt gesehen haben. Die Kathedrale gilt als das märchenhafteste

Bauwerk

Russlands.

Zum

Gedenken an den Sieg über die Goldene Horde.

Sicherlich weißt du, dass der Gorki-Park nach dem bedeutendsten proletarischen Schriftsteller Maxim Gorki benannt wurde.«

Der frisch gekürte Dissidenten-Sprecher scherzte:

»Danke für deine Tipps. Du könntest dich gut als Reiseführer verkaufen.«

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Die beiden frühstückten zu Ende und räumten wieder ab. Peter zog seine Jacke an, bedankte sich und verabschiedete sich mit den Worten:

»Ich trudle um 20 Uhr ein. Bist du da zu Hause?«

»Ja, ab 19 Uhr bin ich hier. Am besten du klingelst, denn einen Schlüssel kann ich dir leider nicht mitgeben.«

Stille im Haus. Alles bereit zum Entschleunigen.

Viktor streckte sich auf dem Sofa aus und rekapitulierte, was Peter ihm alles gesagt hatte. Er wird seinem Vater nichts von der neuen Bekanntschaft erzählen. Der Vorschlag, ein Studium im Ausland aufzunehmen, klang recht verlockend. Damit hätte er gute Chancen, Karriere zu machen. Vielleicht als Senkrechtstarter in der Politik? Wird er die russischen Wähler:innen mit seiner sympathischen Art von sich überzeugen?

Könnte ihn die Wählergunst bis zum Sessel des Staatspräsidenten tragen?

Der Beau stand auf und machte sich auf den Weg, um Iwan zu besuchen. Er ging zur Wohnungstür, zog den Schlüssel ab und schloss die Tür hinter sich zu. Rannte schnurstracks die Treppen hinunter, aus dem Haus bis zur Bushaltestelle. Es dauerte 10 Minuten bis die Buslinie 30 kam, die ihn zur Metrostation Orehovo bringen würde. Im Bus waren nur ein paar Leute. Viktor setzte sich zwei Sitzreihen hinter dem Busfahrer auf einen 17

freien Platz. Er blickte aus dem Fenster auf die Menschen und Häuser und dachte daran, dass er diese gewohnte Umgebung bald nicht mehr sehen würde. Weit weg von der Heimat und den Dingen, die einem so vertraut sind. Sein schönes Moskau an der Moskwa verlassen und übersiedeln ins fernab liegende Berlin. Der Bus stoppte bei Orehovo. Er stand auf, stieg aus und ging hinüber zur Metro.

Iwan wohnt in der Nähe der Metrostation Kolomenskaja, 4 Stationen weiter. Unser Lucky Boy wartete am Bahnsteig und schaute auf seine Uhr. Die nächste Metro würde gleich kommen. Als sie ankam, stieg er ein und setzte sich auf den ersten freien Platz. In Kolomenskaja machte er sich eiligen Schrittes auf den Weg und klingelte an der Vordertür eines Hauses aus dem letzten Jahrhundert. Es hatte eine rote Buntsandstein-Fassade mit einer Reihe kleiner Balkone in den oberen Stockwerken. Um sein Zuhause beneidete ihn Viktor, am liebsten würde er auch in einem schönen alten Haus wohnen. Iwan öffnete die Tür und begrüßte seinen Freund mit einer herzlichen Umarmung.

»Hallo, du bist heute wohl früh aufgestanden. Ich habe dich erst später erwartet.«

»Das lag an Peter dem Studenten, er wollte schon recht früh aufstehen, weil er noch einiges besichtigen will.«

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»Ist schon in Ordnung. Komm hoch, ich bin gerade erst aufgestanden. Du kannst mit mir noch einen Tschai trinken.«

Die beiden gingen in den ersten Stock, in die Wohnung der Eltern. In Iwan's Zimmer setzte sich Viktor erst einmal auf die gemütliche Couch, während sein Freund den Samowar mit dem Tschai aus der Küche holte. Jeder schenkte sich eine Tasse voll ein. Schließlich sollte es ja ein entspannter Tag werden, frei von Stress und Alltagsproblemen. So verbrachten sie den Vormittag mit Musik hören und Schach spielen.

Beide sind übrigens hervorragende Spieler und Mitglieder in einem Moskauer Schachclub.

… Es war die Stunde der Muse. Zeit zum Philosophieren.

Heute

stand

Sprache

im

Mittelpunkt. Iwan regte an:

»Die Erfindung der Schriftsprache von den Sumerern war ein erster Schritt in das digitale Zeitalter.«

»Nur Computer und ihre Programmiersprachen benötigen eine Schriftsprache. Ich lausche lieber einem Hörbuch, anstatt meine Augen beim Lesen zu quälen.«

Frage an euch … Kennt ihr die nachhaltigste Art der

Lektüre?

Wir

suchen

das

ressourcenschonendste Buch. Ist es das Hörbuch, das eBook oder das Taschenbuch?

19

»Puh, du Fauler. Im Orient gab es vor langer Zeit die Geschichtenerzähler, die am Lagerfeuer ihre uralten Sagen mündlich weitergaben.«

»Das erinnert mich an Kinder. Sie lernen Sprache ohne jegliche Schriftkenntnisse.«

Um die Mittagszeit kam Iwans Mutter ins Zimmer und offerierte:

»Ich habe für euch als Sakuska (Vorspeise) kleine Piroshki (Eine Blätterteig Speise gefüllt mit Weißkraut, gemahlenem Fleisch und gedünsteten Pilzen.) zubereitet und als Hauptspeise bekommt ihr Kebab.«

Wer hat das schon einmal gegessen? Wenn ja, wie hat es Ihnen geschmeckt? Wer es selbst kochen will, der muss sich ein russisches Kochbuch besorgen.

Man sollte vielleicht erwähnen, dass Iwans Mutter aus Usbekistan stammt. Für die Usbeken ist Kebab eine Nationalspeise. Daher kam der für russische Verhältnisse

nicht

selbstverständliche

Essensvorschlag Kebab. Die beiden folgten ihr in die Küche. Dort standen einige Porzellanschalen mit kulinarischen Köstlichkeiten bereit. Sie setzten sich an den Tisch, luden genüsslich Piroshki auf ihre Teller und aßen diese restlos auf. Die Meisterköchin bemerkte:

20

»Na, ihr habt aber großen Hunger. Gab es etwa schon lange nichts mehr zu essen?«

Iwan grinste und lobte:

»Das liegt nicht am Hunger, sondern an der hervorragenden Küche.«

Viktor war ganz außer Häuschen:

»Sie haben fantastisch gekocht. Es hat mir ausgezeichnet geschmeckt.«

Doch sie hatten noch genug Hunger, um auch der Schüssel mit dem Kebab den Garaus zu machen.

Nachdem alles aufgegessen war, ging Iwan zum Küchenschrank und holte eine Flasche Wodka (Wässerchen) und zwei Gläser:

»Ich hoffe, dein Magen verlangt zur Verdauung auch nach einem Schluck Wodka?«

»Nach dem ausgiebigen Essen ist das die perfekte Idee.«

Als sie ein kleines Glas Wodka zu sich genommen hatten, standen sie wieder auf und gingen zurück ins Zimmer. Viktor spürte, wie der Alkohol seine Körpertemperatur wohltuend erhitzte. Angesteckt von der heiteren Laune humorte er:

»Kennst du schon den neuesten Witz?«

»Nein, erzähl mal.«

»Also, pass mal auf. Kommt eine Nonne in die Sauna.«

„Hahaha" lachten beide im Chor. Spontan konterte Iwan:

»Ich habe da kürzlich ein kleines Rätsel entdeckt.

Du musst nur genau zuhören. Also es heißt: Es gibt 21

nur einen so wie dich und das bin ich. Na, was sagst du dazu?«

»Im Moment fällt mir da gar nichts ein.«

»Denk mal an zwei gleiche Dinge in Bezug auf Menschen.« gab ihm Iwan als Hilfestellung.

»Mmmh. Mein Doppelgänger.«

»Beinahe richtig, die Lösung heißt Zwilling.«

Viktor fasste sich an den Kopf und rief »Na klar!«

»Da gibt es noch so einen kleinen Leckerbissen, höre gut zu: Dein Onkel hatte wohl schon lange keinen Sex mehr mit seiner Tante.«

»Du meinst doch eher deinen Onkel.«

So verbrachten sie den Nachmittag bis etwa 18

Uhr. Viktor beendete das Schauspiel mit den Worten:

»Für mich wird's höchste Zeit zu gehen, denn ich habe Peter versprochen, daß ich um 19 Uhr wieder Zuhause bin.«

»Na gut, wenn du meinst. Ich finde, das ist sehr früh für einen erwachsenen jungen Mann.«

entgegnete Iwan scherzhaft.

»Haha. Wenn du willst dann kannst du ja später noch bei mir vorbeikommen.«

»Nein, ich werde heute nicht mehr weggehen.«

»Also bis bald. Tschüss.«

Damit verabschiedete sich Viktor, der bereits vor der Tür stand. Iwan hob zum Abschied die Hand:

»Ich melde mich bei dir. Tschüss.«

22

Etwas angetrunken lief er zur Metrostation und beschloss, nachher noch einen Tee zu kochen. Das ist das Richtige bei dieser unangenehmen Witterung. Denn der Sommer war vorbei und die kühlen Herbstabende kündigten sich wieder an. Er nahm die Tageszeitung vom Tisch und ging damit in sein Zimmer. Wie er da auf dem Sofa lag, mit der Zeitung in der Hand, klingelte es an der Wohnungstür. Im Nu sprang er auf und eilte zur Tür. Er blickte durch den Spion und sah Peter mit zwei Polizisten vor sich stehen. Rasch öffnete er die Tür. Einer der Polizisten:

»Sind sie Viktor Kalinsky?«

Etwas beklommen: »Ja, der bin ich.«

Der Polizist fuhr fort: »Kennen Sie diese Person?«

»Ja, das ist Peter aus Berlin. Er hat gestern Nacht bei mir geschlafen.«

Der Polizist wollte wissen: »Der Mann hat ausgesagt, dass sein Ausweis in Ihrer Wohnung liegt. Er hätte ihn dort verloren. Stimmt das?«

Peter meldete sich auch zu Wort:

»Bist du noch nicht im Gästezimmer gewesen? Ich vermute, er liegt dort.«

»Bitte treten Sie ein, dann können wir nachsehen.«

Die Polizisten und Peter gingen in die Wohnung und folgten Viktor zum Gästezimmer. Er machte die Tür auf und Peter entdeckte als erster den Ausweis, der unter dem Stuhl auf dem Boden lag.

Sofort rief er:

23

»Hier liegt der Ausweis!«

und deutete auf den am Boden liegenden Ausweis.

Er hob ihn auf und reichte ihn einem der Polizisten.

Der meinte:

»Da haben Sie aber großes Glück gehabt.«

und sah sich den Ausweis genauer an. Dann blickte er hinüber zu seinem Kollegen und nickte. Er war zufrieden und händigte den Ausweis wieder aus:

»Es ist alles in Ordnung. Sie können hier bleiben.

Wir werden jetzt wieder gehen.«

Dann drehte er sich um und verließ zusammen mit seinem Kollegen die Wohnung.

Peter atmete erst einmal tief durch:

»Wuau, ich kann dir sagen, beinahe hätte ich die große Panik gekriegt. Die Polizisten haben mich am Nachmittag im Gorki-Park kontrolliert und wollten meinen Ausweis sehen. Ich fasste in meine Jackeninnentasche und stellte fest, dass ich keinen Ausweis bei mir hatte. Ich sagte, dass ich ihn verloren hätte. Daraufhin nahmen sie mich fest, legten mir Handschellen an und brachten mich auf ihre Wache.

Da verstehe doch einer die Willkür der staatlichen Ordnungsmacht. Auf dem Weg zur Wache schwitzte ich Blut und Wasser. Ich überlegte krampfhaft, wo ich den Ausweis verloren haben könnte. Nach langem hin und her kam mir der Gedanke, dass der Ausweis in deiner Wohnung sein müsste. Ich wandte mich an den Polizisten und sagte ihm, dass mein Ausweis wahrscheinlich 24

in der Wohnung eines Freundes liegt, bei dem ich die Nacht verbracht habe. Sie wollten deinen Namen und die Adresse. Ich gab an, dass du ab 19

Uhr wieder zuhause bist. Danach nahmen sie mir die Handschellen ab und ließen mich in Ruhe. Kurz vor 19 Uhr kamen sie dann wieder zu mir und forderten mich auf, mitzukommen. Wir fuhren dann hier her und den Rest kennst du ja.«

»Soll ich dir noch etwas zu essen machen? Im Kühlschrank steht noch eine Schüssel mit Borschtsch-Suppe, gekrönt mit Smetana (saure Sahne) und ein Teller voll Blinis (In heißem Öl gebackene Hefeplinsen. Traditionelle kleine Pfannkuchen.). Ich mache uns beides im Ofen warm, denn ich habe auch noch ein wenig Hunger.«

Der gestresste Peter bekam leuchtende Augen:

»Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Ich habe nämlich seit heute Mittag nichts mehr gegessen.«

Die beiden trugen das Essen ins Wohnzimmer und machten es sich dort gemütlich. Peter nahm ein Stück Papier in die Hand:

»Ich gebe dir meine Adresse in Berlin, dann kannst du mir schreiben. Du weißt ja, dass wir alles unternehmen, um das System zu stürzen. Na, vielleicht gelingt es uns die Macht zu übernehmen.«

»Pass gut auf, dass du nicht vom Geheimdienst aufgespürt wirst.«

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Peter lachte ebenfalls und fuhr fort:

»Pass auf, ich erzähle dir jetzt einen Witz.

Also, ein reicher Mann ist beim Autohändler und will sich ein Luxusauto kaufen. Da fragt ihn der Autohändler: Wollen Sie lieber Rolls Royce oder Jaguar fahren? Daraufhin sagt der Reiche: Das ist alles eine Geschmacksfrage. Da bemerkt ein vorübergehender Bettler: Das glaube ich nicht.

Der Reiche entgegnete: Doch, dann haben Sie diesen Geschmack eben nicht.«

Die beiden lachten aus vollem Halse. Der Abend verlief noch recht fröhlich und es wurden jede Menge Witze und Geschichten erzählt. Zu später Stunde ging dann jeder gut angeheitert in sein Bett. Morgen früh wird sich der Revoluzzer wieder auf den Heimweg nach Berlin machen. Sein Zug fährt um 9 Uhr. Der Wecker stand auf 7 Uhr. Die Nacht war schnell vorüber und der Morgen nahte.

Nach dem Klingeln torkelte der Schlaftrunke hinüber zum Gästezimmer. Klopfte an die Tür und rief:

»Peter, aufstehen – es ist jetzt 7 Uhr! Ich mach schon mal das Frühstück.«

»Ja, ich komme!«

In der Küche legte Viktor ein paar Brötchen in den Ofen, setzte den Kaffee auf und deckte den Tisch.

Berlins Wunderwaffe kam herein:

»Guten Morgen. Ich könnte heute Bäume ausreißen, so wohl fühle ich mich.«

26

»Bäume musst du nicht ausreißen, aber Hunger darfst du ruhig haben.«

»Ich nehme nachher noch eine Dusche und gehe dann zum Bus.«

»Im Badezimmer liegen frische Handtücher, die kannst du benutzen.«

Peter stand auf und ging in die Dusche, während Viktor in der Küche das Geschirr aufräumte und das restliche Essen in den Kühlschrank stellte.

Frisch geduscht und mit belegter Stimme:

»Also ich wäre soweit um aufzubrechen.«

»Es ist jetzt 10 Minuten vor 8 Uhr. Um 8 Uhr fährt ein Bus zum Bahnhof.« Peter reichte die Hand zum Abschied und umarmte seinen neuen Freund mit den Worten:

»Ich danke dir für alles.«

»Sobald ich in Berlin bin, melde ich mich bei dir.

Bis dann. Tschüss.«

»Alles Gute für dich. Tschüss.«

Die große Bahnhofsszene.

In der Küche wartete noch ein Berg voller Geschirr zum Abspülen. Nachdem die Wohnung aufgeräumt war, telefonierte er mit Iwan und verabredete sich mit ihm in der Stadt. Er zog seine Jacke an, ging zur Wohnungstür und warf sie hinter sich ins Schloss.

27

Am darauf folgenden Tag kehrten seine Eltern wieder aus dem Urlaub zurück. Sie kamen am späten Morgen, als Viktor noch im Bett lag. Seine Mutter klopfte an die Zimmertür und rief:

»Viktor, komm, wir sind wieder da!«

Der Sunnyboy stand auf, ging ins Badezimmer und machte sich frisch. Im Flur vernahm er Stimmen aus dem Schlafzimmer seiner Eltern. Die Tür stand halb offen. Er trat hinein und sah sie beim Koffer auspacken. Mit einem Hallo begrüßte er beide und reichte jedem die Hand: »Kann ich mit euch sprechen?«

Igor schien neugierig:

»Selbstverständlich.«

»Was haltet ihr davon, wenn ich im Ausland, im Westen, studiere? Zum Beispiel in Deutschland.«

»Ein Studium im Westen, das wird nicht einfach für dich. Ich freue mich, dass du dich jetzt schon entschieden hast. So bleibt uns genug Zeit um alles vorzubereiten.«

»Tausend Dankeschönchens. Das gibt mir Auftrieb.«

Ja, der Sohnemann war sichtlich begeistert, dass seine Eltern die Entscheidung im Ausland zu studieren begrüßten. Vielleicht ist ihm der Entschluß fürs Ausland auch so leicht gefallen, weil er momentan keine Freundin hat. Vor vier Wochen hat er sich von seiner letzten Freundin getrennt.

Er dachte nur noch ganz selten an sie. Der 28

Militärdienst und eine Freundin in der Heimat, das vertrug sich sowieso nicht. Würde jemand aus seinem Freundeskreis ihm davon abraten ins Ausland zu gehen? Seine Familie war stolz auf ihn und seine ehemaligen Mitschüler, die sich ein Auslandsstudium nicht leisten konnten, würden ihn beneiden.

Seine Heimatstadt Moskau hat natürlich alles zu bieten, was man sich nur erdenken kann. Ganz wie im Märchen wurden ihm bisher alle Wünsche seiner Heimatstadt erfüllt. Langeweile in der Freizeit war ihm unbekannt.

Sein Allerliebstes war schon immer die Staatsoper.

Er genoss das Eintauchen in eine fremde Welt der Bühnenaufbauten und der Kostüme. Das Gefühl, als Zuschauer ein Teil der Vorführung zu werden, durch die Identifikation mit dem Künstler auf der Bühne, war immer wieder ergreifend.

Mit 8 Jahren war er ein virtuoser Schüler am Klavier. Sein Vater legte großen Wert auf eine musikalische

Erziehung.

An

die

ersten

Klavierstunden denkt Viktor mit einem leichten Schmunzeln zurück. Stets missglückten ihm das Lesen der Noten und das gleichzeitige Anschlagen der richtigen Taste.

Das ist schon lange her. Zwischenzeitlich hat der Multitalentierte viel dazugelernt. Heute ist er sogar bereit, seine geliebte Heimat zu verlassen. Der 29

Militärdienst hat ihm gelehrt, dass man im Leben den Herausforderungen begegnen muss. Es galt nun, die westliche Welt kennenzulernen. Vor allen Dingen reizte ihn das Wissen über die Privatwirtschaft und das Funktionieren der staatlichen Systeme. Er beschloss, sich bei seinem ehemaligen Deutschlehrer, der in Berlin studiert hat, über den Westen zu erkundigen. Im Wohnzimmerschrank war das Telefonbuch, dort fand er ihn unter Boris Romanov. Er wählte und wartete gespannt. Am anderen Ende meldete sich die Stimme seines ehemaligen Lehrers. Viktor nannte seinen Namen:

»Entschuldigen Sie Herr Romanov, darf ich Sie etwas fragen?«

»Ja bitte.«

»Sie waren einmal mein Deutschlehrer am Gymnasium. Das war vor zwei Jahren. Momentan leiste ich meinen Militärdienst ab. Danach beabsichtige ich, im Westen zu studieren. Aller Voraussicht nach in Deutschland. Ich weiß aber noch nicht genau, welchen Studiengang ich wählen soll.

Mich

interessieren

vor

allem

alle

Zusammenhänge zwischen Privatwirtschaft und Staat, sowie das monetäre System.«

»Wenn dich das interessiert, dann empfehle ich dir den Studiengang der Volkswirtschaftslehre zu wählen. Dabei wirst du kennen lernen, dass man durch die Westbrille die Welt mit anderen Augen sieht. Gelegentliche Mängel an manchen Dingen 30

des täglichen Lebens, wie man sie hier kennt, sind im Westen undenkbar. Sie nennen sich selbst auch gerne eine leistungsorientierte Gesellschaft.«

»Sie meinen also, dass ich von „der anderen Seite“

etwas lernen kann?«

»Na, da bist du mit Sicherheit nicht der Einzige auf dieser Welt. Schließlich können weder wir noch der Westen nur schlechte Eigenschaften haben. Du wirst schon sehen. Neugierig genug bist du ja.

Übrigens empfehle ich dir, dich an der Universität in Berlin einzuschreiben. Sie hat einen guten Ruf.

Du kannst dich darüber in der deutschen Botschaft erkundigen. Ich selbst habe Germanistik in Berlin studiert. Die Stadt hat jungen Leuten einiges zu bieten und die Menschen dort haben einen gesunden Humor.«

Er bedankte sich bei seinem Lehrer, wünschte ihm alles Gute und legte wieder auf. Nahm das Telefonbuch und suchte nach der Deutschen Botschaft. Die Neugier, alles über diese Universität,

den

Studiengang

und

das

Wissenswerte über Berlin zu erfahren, ließ ihn nicht mehr in Ruhe.

Es meldete sich eine freundliche Stimme.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich beabsichtige, an der Universität in Berlin Volkswirtschaftslehre zu studieren.«

»Wir beschaffen Ihnen alle Unterlagen für das Studium und übersenden Sie dann. Bitte nennen Sie mir Ihre Adresse?«

31

Viktor tat wie ihm geheißen, bedankte sich für die Auskunft und legte wieder auf.

An den folgenden Tagen war er der Erste, der im Briefkasten nachsah, ob seine Post schon da war.

Nach zwei Tagen kamen die Unterlagen der Botschaft in einem dicken Briefkuvert. Er ging damit in sein Zimmer, öffnete es und begann zu lesen. In den Dokumenten stand, dass sich der Studiengang über 8 Semester erstreckt und Studienbeginn ist der 1.Oktober. Er beschloss, sich um einen Platz im Studentenwohnheim zu bewerben, um mit anderen in einer Gemeinschaft zu leben. Die Vorstellung, mit Gleichaltrigen zusammen zu kochen, sich im Aufenthaltsraum zu treffen und Gedanken auszutauschen, das begeisterte ihn.

Umgehend verfasste er ein Bewerbungsschreiben, kopierte sein Abschlusszeugnis und sendete beides an die Universität in Berlin. Im September kam die Zusage, dass er zum Wintersemester sein Studium

aufnehmen

könne.

Der

Immatrikulationstermin war am 24. September.

32

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