Unter dem Odong-baum, Koreanische Sagen und Märchen by Tr.​Andrea Eckardt - HTML preview

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NICHTS DÜRFTE LEICHTER ZU TIEFEREM

 

Verständnis eines Volkes führen, als die Kenntnis dessen, was sich das Volk in seinen Mußestunden erzählt, und woran es selbst seine Freude hat oder worüber es sich lustig macht. Wie das koreanische Volk die Natur liebt und nichts Schöneres kennt als »Kugyong«, das heißt Spazierengehen und nach Neuem Ausschau halten, so bilden auch die täglichen »Iyägi«, das heißt Erzählungen, während und nach der Arbeit, seine Erholung. Und im Erzählen von Sagen und Märchen ist das Volk fast unerschöpflich, darin offenbart sich aber auch sein kindliches, naturhaftes Gemüt.

Während meines fast zwanzigjährigen Aufenthaltes im »Land der Morgenfrische«, wie das Wort »Tschoson«, der heutige, einheimische Name Koreas, meist gedeutet wird, hatte ich Gelegenheit, mitten unter dem Volke oft und oft solchen Erzählungen zuzuhören und mir nicht nur Aufzeichnungen machen zu können, sondern im Umgang mit literarisch gebildeten Koreanern, wie Kim Pongdsche aus Soul, Yu Yomdscho aus P’yongyang, Kwon Kerang aus Suwon, O Tschangsik aus Täku und anderen, diese Erzählungen auch schriftlich zu erhalten, so daß mir für die Übersetzungen zum großen Teil die Originale zur Verfügung standen.

So wünschenswert es nun wäre, diesen deutschen Übersetzungen die Originaltexte als Chrestomanie zur Seite zu stellen, so muß einstweilen doch darauf verzichtet werden, denn die Typensetzung der koreanischen Buchstabenschrift würde die Schwierigkeiten einer Drucklegung und Veröffentlichung ins Maßlose steigern.

In der Übertragung kommen bedauerlicherweise die charakteristischen Schönheiten der koreanischen Sprache, die häufige Alliteration, die Wortspiele und andere Feinheiten nur mangelhaft zum Ausdruck. Der koreanische Erzähler kennt Tausende von Wörtern, in denen in Klangmalerei das Naturempfinden ausgedrückt wird. Um eine leise Vorstellung von dieser Klangmalerei und dem Charakter der koreanischen Sprache überhaupt zu geben, habe ich in einigen dieser Prosadichtungen Ausdrücke beibehalten und angeführt.

Die Erzählungen geben nicht nur ein Bild des täglichen Lebens und der Gedankenwelt des einfachen Koreaners, sie führen auch in das geistige und religiöse Leben des Volkes ein, das sich zweieinhalb Jahrhunderte hindurch[1] von der Außenwelt abgeschlossen hielt. Insbesondere ist es die Geisterwelt und hier vor allem die Verehrung des Berggeistes, die in manchen Erzählungen zum Ausdruck kommt. Eine besondere Bedeutung hat hierbei die Wunderwurzel »Sam«-Ginseng mit ihrer menschenähnlichen Gestalt. Ihre unmittelbare Verbindung mit dem Berggeist und dem Sternbilde des Orion weist auf den indischen »Soma« und den eranischen »Haoma« oder »Hom«, den noachitischen Propheten hin, also auf eine Zeit, in der ein Teil des koreanischen Volkes noch mit der indo-europäischen Völkerfamilie im Herzen Asiens eng verbunden war, wie ich an anderer Stelle nachzuweisen vermochte. 

Neben der Ginsengwurzel sind es der Gingko oder Tempelbaum und der Odongbaum — der in Korea die Stelle unserer Dorflinde vertritt —, die beide durch ihre Größe und ihren Blätterschmuck zur Rast einladen und den Koreanern Gelegenheit geben, sich gegenseitig mit Erzählungen zu unterhalten.

Wie das koreanische Volk in ethischer Beziehung wohl an erster Stelle unter den Völkern Asiens dasteht, so haben auch fast alle Erzählungen einen ethischen Kern und offenbaren die religiös-sittliche Grundanschauung, wonach Geradheit und Aufrichtigkeit des Charakters belohnt, Lüge und Ungerechtigkeit jedoch bestraft werden.

Die im »Odongbaum« vereinigten Geschichten stellen unverfälschte Volksdichtung dar. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, möchte ich bemerken, daß hier unter »Dichtung« nicht dichterische Erfindung des Stoffes oder rein poetische Gestaltung der Sprache zu verstehen ist, sondern daß es sich um volksüberlieferte Geschichten handelt, die von den Schriftstellern und Literaten Kim Pongdsche usf. durch den Dialog zu einer fortlaufenden Handlung gestaltet und zusammengefaßt wurden, in der vier Punkte zu berücksichtigen sind.

  1. Die Sagen zeigen die Volksverbundenheit der Koreaner mit ihrer Geschichte. Inhaltlich könnten manche derselben zu epischen Dichtungen ausgestaltet werden, doch bevorzugt das Volk den erzählenden Wortlaut in Prosa. 
  2. Soziologisch suchten die genannten Erzähler in ihrem verbindenden Zwischentext das Leben des Volkes, des Bauern, der Vornehmen, der Gelehrten usw. zu schildern, geißelten aber auch die Mißstände und hoben das einfache Denken und Fühlen der arbeitenden Klasse hervor.
  3. In allen Erzählungen wird der ethische Charakter betont und im verbindenden Dialog oft noch besonders darauf hingewiesen.
  4. Das koreanische Volk liebt sein Land über alles und berauscht sich an den Schönheiten der Natur. Hier erhebt sich die einfache Erzählform vielfach zu poetischem Schwung in gewählter Sprache.

Daß diese Meister der Erzählkunst gelegentlich auch durch reine Dichtungen — meist lyrischer Art — hervorgetreten sind, habe ich im Nachwort, »Zur koreanischen Literaturgeschichte«, erwähnt, und hoffe Proben dieser Dichtung in einem späteren Bande vorlegen zu können.

Aus dem Schrifttumsverzeichnis am Schluß des Buches ist ersichtlich, daß sich bereits verschiedene Wissenschaftler und Schriftsteller um die Übersetzung und Veröffentlichung koreanischer Erzählungen bemüht haben. Ich selbst habe in meinem schon seit langem vergriffenen Buche »Koreanische Märchen« (1929) und in der »Koreanischen Konversationsgrammatik« (1923), sowie in verschiedenen Zeitschriften und Tagesblättern Proben dieser Märchen und Erzählungen gegeben. Vorliegende Arbeit mit den Sagen Kim Pongdsche’s, den Märchen O Tschangsik’s, den Fabeln Kwon Kerang’s und den Erzählungen Yu Yomdscho’s dürfte jedoch erstmalig ein einheitliches Bild dieser eigenartigen Gedankenwelt zeichnen und damit eine Lücke schließen, die in der Volksdichtung der asiatischen Völker bisher offenstand. Dem wissenschaftlichen Leser geben sie die Möglichkeit der Motivvergleichung. Manche Parallelen in der europäischen Volksdichtung, wie die Polyphemsage, die Fabel vom Bären, der die Fliegen verscheucht, die Kennzeichnung des Fuchses als schlauem, des Bären als dummem Tier, und anderes regen zu interessanten Vergleichsarbeiten an und dürften zudem neues Licht auf Ursprung, Verwandtschaft und auf die geschichtliche, beziehungsweise kulturelle Beziehung zu anderen Völkern werfen, sofern nicht manche Gedanken Gemeingut der Menschheit darstellen.                            Professor Dr. André Eckardt